Bevor die Wahl in den Niederlanden entschieden wurde, geisterte eine Schreckensgeschichte durch Europa. Die Geschichte wurde von Menschen, die Jarosław Kaczyński, Recep Tayyip Erdoğan, Victor Orbán, Wladimir Putin, Marine Le Pen und Geert Wilders heißen, gerne verbreitet. Die Kurzform lautet: Die EU ist am Ende. Warum? Weil die EU-Bürger nicht mehr an den Sinn ihrer supranationalen Institution glauben – zu groß, zu kompliziert, mir doch egal.

Nun besteht die Grundidee der Demokratie darin, dass das Volk (mit)bestimmen kann, wie es leben will. In einem Wahlverfahren bekommt jeder Bürger eine Stimme und kann damit die Form der ganzen Gesellschaft beeinflussen. Das ist unglaublich beeindruckend und eine zivilisatorische Errungenschaft bedeutender als die Erfindung des Internets oder des Autos. Sie hat viele Vorteile. Demokratien führen beispielsweise weniger Kriege als Staaten mit anderer Staatsform. Und meist entscheidet sich die Mehrheit des Volkes für Dinge und Regierungen, die ihr selbst gut tun.

82 Prozent – das ist Demokratie!

Angesichts des Wahlergebnisses der Niederländer, die in einer der ältesten und weltweit gefestigsten Demokratien leben, muss man sich das vergegenwärtigen. Die wichtigste Zahl dieser Abstimmung lautet 82.

Niederlande - Rutte siegt bei Parlamentswahl Mark Rutte kann weiterregieren, muss aber neue Koalitionspartner finden. Der Rechtspopulist Geert Wilders erhält weniger Sitze im Parlament als er erhofft hatte. © Foto: Daniel Reinhardt/dpa

82 Prozent der Wahlberechtigten haben ihr Recht, die Zukunft mitzubestimmen, wahrgenommen. Das ist ein so ungewöhnlich hoher Wert, dass er selbst die Erwartungen der Optimisten übertroffen hat. In manchen Wahllokalen gab es zwischenzeitlich mehr willige Wähler als Stimmzettel.

Die erste und wichtigste Erkenntnis dieser Wahl lautet deshalb: Die Demokratie lebt, selten war sie lebendiger. Die Leute haben begriffen, dass es im Jahr 2017 um etwas geht. Wenn die Welt auseinanderfällt, Gruppen gespalten, Rassismus und Hass verbreitet werden, tut man etwas dagegen – man erhebt seine demokratische Stimme bei der Wahl.

Vor fünf Jahren ging es in den Niederlanden bei der Parlamentswahl vor allem um die Frage, wie das Land aus der Wirtschaftskrise kommt. Das war wichtig. Aber jetzt, vier Jahre später, nach dem Brexit, nach der Wahl des irrlichternden Egomanen Donald Trump und nach einem Wahlkampf, in dem Geert Wilders die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und offenem, strafbarem Rassismus mehrfach übertreten hatte, ging es um mehr. Es ging ums Grundsätzliche, um Identität und die Grundformen des Zusammenlebens. Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Und in was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Bei dieser Wahl ging es um die Zukunft der Niederlande und indirekt auch um die Zukunft der EU.