Die nigerianische Terrormiliz Boko Haram hat nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch neben den sogenannten Chibok-Mädchen noch Hunderte weitere Schüler entführt. Sie seien bereits zwischen Ende 2014 und Anfang 2015 aus ihrem Heimatort Damasak verschleppt worden und bis heute großteils nicht wieder aufgetaucht, sagte HRW-Expertin Mausi Segun. Sie kritisierte die Regierung, die den Fall ignoriert habe.

Segun sagte, Stammesführer aus der Region um Damasak im Nordosten Nigerias hätten nach eigenen Angaben der Regierung im April 2015 eine Liste mit 501 vermissten Kindern vorgelegt, aber nie eine Reaktion erhalten. Zu diesem Zeitpunkt war Damasak kurzzeitig nicht in der Hand der Boko Haram. Später fiel es wieder an die Extremisten, die weite Teile des Nordostens unter ihrer Kontrolle hatten.

Sollte sich der Fall bestätigen, wäre es die bisher größte bekannte Massenentführung durch die Boko Haram. Im April 2014 hatten die Extremisten aus dem Ort Chibok 276 Schulmädchen entführt. Der Fall hatte auch international die Aufmerksamkeit auf den radikalislamischen Aufstand der Boko Haram gelenkt. Mehr als 200 der Mädchen sind noch in der Gewalt der Gruppe.

Über den Entführungsfall in Damasak war aber bisher nichts bekannt geworden. "Während die internationale Aufmerksamkeit und Sorge sich auf die Entführung der Chibok-Schulmädchen im April 2014 konzentrierte, sind im belagerten Nordosten Nigerias Hunderte weitere Kinder vermisst", schrieb Segun in ihrem Bericht.

Damasak, mehr als 300 Kilometer nördlich von Chibok, war ab November 2014 zunächst vier Monate lang in der Hand der Boko Haram. Die Kinder seien nach der Eroberung der Stadt in einer Grundschule in extremistischer Ideologie unterrichtet worden, hieß es von HRW. Die nigerianischen Streitkräfte eroberten die Stadt wieder, verließen sie aber im April 2015 und ermöglichten so der Boko Haram eine Rückkehr. Im Juli 2016 wurden die Extremisten endgültig vertrieben. Die Armee installierte daraufhin in Damasak einen Stützpunkt.