Die britische Regierung hat die Frist für eine Regierungsbildung in Nordirland um wenige Wochen verlängert. Es gebe nun "ein kurzes Fenster der Möglichkeiten", sagte der britische Nordirlandminister James Brokenshire in Belfast und reagierte damit auf die kurz zuvor gescheiterte Regierungsbildung der nordirischen Parteien, die vor Ablauf der Frist keine Einigung erzielt und die Gespräche abgebrochen hatten. Sollten sie auch innerhalb dieser von Brokenshire gewährten "wenigen Wochen" zu keinem Ergebnis kommen, könnte er Neuwahlen ansetzen – die dritten innerhalb eines Jahres –, den Parteien erneut mehr Zeit für Verhandlungen geben oder die Provinz zum ersten Mal seit 2007 wieder unter direkte britische Verwaltung stellen.

Seit dem Friedensabkommen von 1998, den sogenannten Karfreitagsabkommen, müssen die jeweils stärksten Parteien aus den beiden konfessionellen Lagern gemeinsam eine Regierung für die halbautonome britische Provinz bilden. Zu dieser Machtteilung waren aber weder die Protestanten noch die Katholiken diesmal bereit. Da sich die katholisch-republikanische Sinn-Fein-Partei bis zum Ablauf des Ultimatums weigerte, einen Parlamentssprecher oder Minister zu nominieren, wurde die geplante Parlamentssitzung zur Regierungsbildung abgesagt.

Die bisherige Regierungschefin Arlene Foster von der protestantischen Democratic Unionist Party (DUP) machte die Sinn Fein dafür verantwortlich. Diese habe keinen "Kompromissgeist" gezeigt und stur auf ihren Positionen bestanden. "Der Gesprächsprozess ist am Ende", teilte auch Sinn-Fein-Chefin Michelle O'Neill mit und wies die Anschuldigungen der gegnerischen Partei zurück. Ihr zufolge sei man "in einer Sackgasse angekommen". Die DUP habe "nicht die richtige Einstellung" bei den Verhandlungen gezeigt.

Die beiden führenden Nordirlandparteien sind sich in vielen Dingen uneins. So hatte Sinn Fein als Verhandlungsbasis unter anderem eine offizielle Anerkennung der irischen Sprache und eine gesetzliche Regelung für den Umgang mit dem historischen Erbe des Nordirlandkonfliktes gefordert.

Auch in ihrer Haltung zur Regierung in London unterscheiden sich die beiden Lager stark: Während die DUP den Brexit befürwortet, ist Sinn Fein dagegen – und fühlt sich durch das starke Abschneiden bei der Wahl im März in ihrem Vorhaben gestärkt. Sie fordert ein Referendum über einen Austritt aus Großbritannien und eine Vereinigung mit Irland. Zwar zeigen Umfragen unter den 1,8 Millionen Nordiren bislang nur eine begrenzte Zustimmung zu einem solchen Schritt. Die Jüngeren allerdings sprechen sich mehrheitlich gegen einen Brexit aus, und auch viele Ältere schreckt die Vorstellung, dass Nordirland dann durch eine EU-Außengrenze von Irland im Süden getrennt sein würde.

Die bisherige Koalition zwischen Sinn Fein und der DUP war im Januar im Streit über ein aus dem Ruder gelaufenes Förderprogramm für erneuerbare Energien zerbrochen. Aus den darauf folgenden Wahlen am 2. März ging Sinn Fein gestärkt hervor und konnte bis auf einen Parlamentssitz zur DUP aufschließen. Kritiker werfen Sinn Fein vor, auf Zeit zu spielen, um bei eventuellen Neuwahlen dann vielleicht doch die Mehrheit der Stimmen ergattern zu können.