Einen Tag vor seiner Ankunft in der Volksrepublik hat der neue US-Außenminister Rex Tillerson China in die Pflicht genommen. Das Land müsse seine Sanktionen gegen Nordkorea voll durchsetzen, sagte Tillerson. Außerdem müsse China aufhören, Südkorea für die geplante Stationierung des US-Raketenabwehrsystems Thaad in der Region zu bestrafen; die wirtschaftlichen Sanktionen seien "unangemessen und beunruhigend".

China sieht seine Sicherheit durch Thaad bedroht. Die USA und Südkorea hingegen betonen, der Raketenschild diene lediglich zur Verteidigung. Tillerson forderte China auf, sich mehr auf Nordkorea zu konzentrieren; dieses mache die Stationierung schließlich notwendig. Am Samstag wird er zunächst mit seinem Amtskollegen Wang Yi zusammentreffen.

"Alle Optionen liegen auf dem Tisch"

Bei seinem Antrittsbesuch in Südkorea hatte Tillerson kurz zuvor klar gemacht, dass er einen Präventivangriff gegen Nordkorea angesichts dessen jüngsten Raketentests nicht mehr ausschließt. "Alle Optionen liegen auf dem Tisch", sagte er am Freitag in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Es ist möglich, dass die USA vorbeugende militärische Schritte ergreifen müssten, wenn die Bedrohung durch das nordkoreanische Atom- und Raketenprogramm eine Stufe erreiche, die ein Handeln erfordere. Zudem kündigte er die Stationierung von Kampfdrohnen in Südkorea an.

China hatte kurz vor dem Tillerson-Besuch vor einem "Frontalzusammenstoß" mit Nordkorea gewarnt und die USA und Südkorea zum Kompromiss aufgerufen. Danach sollen die USA und Südkorea ihre gemeinsamen Militärmanöver aussetzen, wenn Nordkorea dafür sein Nuklearprogramm einfriert. Tillerson wies den Vorschlag zurück. Er erklärte Barack Obamas Politik der "strategischen Geduld" für beendet. Neue diplomatische Gesprächsrunden werde es erst geben, wenn Nordkorea atomar abrüste und sein Programm für Massenvernichtungswaffen einstelle, sagte er. "20 Jahre Gespräche mit Nordkorea haben uns dahin gebracht, wo wir heute sind."

Auch vorherige US-Regierungen hatten die Option eines militärischen Vorgehens gegen Nordkorea in Betracht gezogen, doch diese Option niemals so klar ausgesprochen wie Rex Tillerson. US-Präsident Donald Trump selbst twitterte am Freitag, Nordkorea habe sich "sehr böse" verhalten. "Sie spielen seit Jahren mit den USA. China hat wenig unternommen, um zu helfen."

Das kommunistische, abgeschottete Nordkorea hat die Entwicklung von Waffen beschleunigt und dabei unter anderem mit Raketentests wiederholt gegen Resolutionen des UN-Sicherheitsrates verstoßen. Die internationalen Sanktionen schreckten das Land ganz offensichtlich nicht ab. Allein 2016 unternahm Nordkorea zwei Atomwaffentests und 24 Raketentests. Experten schließen nicht aus, dass die Regierung in Pjöngjang in wenigen Jahren Raketen mit atomaren Sprengköpfen und einer Reichweite bis in die USA besitzen wird. Das will Washington auf jeden Fall verhindern und fordert, dass Nordkorea sein Programm einstellt.