Erinnert sich jemand an den Brexit-Bus? Das war ein knallroter Doppeldecker, der durch die Straßen Londons gefahren wurde. Den Briten versprach er per Werbebanner viel: Nach dem Austritt aus der EU stünden wöchentlich 350 Millionen Pfund zusätzlich für das nationale Gesundheitswesen zur Verfügung, weil dieses Geld dann nicht mehr nach Brüssel überwiesen werden müsse.

Wenige Tage nach dem Referendum stellte sich heraus: Die Sache ist etwas komplizierter, weil Großbritannien nicht nur Geld nach Brüssel überweist, sondern von dort auch welches bekommt. Zum Beispiel an Subventionen für die britischen Landwirte. Der Bus verschwand aus dem Straßenbild. Und jetzt, da die Entscheidung für den Austritt in die Tat umgesetzt wird, ist auf der Insel eher Brexit-Blues angesagt.

Es ist nicht das einzige Versprechen, das dieser Tage kassiert wird. Donald Trumps Ankündigung, er werde schon kurz nach dem Amtsantritt als US-Präsident eine Gesundheitsreform verabschieden, die allen Amerikanern den Zugang zu einer Krankenversicherung verschaffe, ohne die umstrittenen staatlichen Auflagen seines Vorgänger Barack Obama? Gescheitert im Kongress. Marine Le Pens Beteuerung, ein Ausstieg aus der Währungsunion sei gut für Frankreich? Nehmen ihr 72 Prozent der Franzosen nicht ab.

Anders gesagt: In diesen Tagen trifft der Populismus auf die Realität und das vorläufige Ergebnis lautet: 1:0 für die Realität.

Die Logik lässt sich nicht ignorieren

Dieses Ergebnis kommt – um im Bild zu bleiben – nicht unerwartet: Der Wesenskern populistischer Politik ist die Verleugnung der Realität. Populisten beschwören eine Welt, in der es Sachzwänge, Zielkonflikte und andere Ärgernisse des politischen Alltagsgeschäfts nicht gibt.

Eine Welt also, in der zum Beispiel jeder eine Krankenversicherung abschließen kann, ohne dass der Staat eingreifen muss. So funktioniert das aber nicht. Denn wenn die Krankenversicherung dem freien Markt überlassen wird, dann wird es für ältere und kranke Menschen sehr schwer, eine günstige Versicherung abzuschließen. Aus diesem Grund gibt es in Deutschland und in fast allen anderen Industrienationen eine Versicherungspflicht. Weshalb sich das Ziel einer Versorgung für alle und die Ablehnung von Staatseingriffen gegenseitig ausschließen.

Der Wahlkämpfer Trump konnte die Gesetze der Logik noch ignorieren, der Politiker Trump kann das nur bedingt. Das wird sich auch bei den nicht minder kontroversen Themen Steuerreform und Modernisierung der Infrastruktur zeigen. Und die Kohlekumpel in Kentucky oder Ohio werden schon bald feststellen, dass auch präsidiale Erlasse keine Kohlejobs zurückbringen, weil sich Kohle – zum Glück – schlicht nicht mehr rechnet.

Genau wie die britische Premierministerin Theresa May sehr bald feststellen wird, dass nationale Souveränität in einer eng vernetzten Welt ein sehr relativer Begriff ist. Wenn die Briten gegenüber der EU keine Zugeständnisse machen, werden sie keinen Zugang zum europäischen Markt erhalten und dann droht der wirtschaftliche Ruin. Statt die Kontrolle über die eigenen Angelegenheiten zurückzugewinnen, werden die Briten an Gestaltungsmacht verlieren.