Lange schien bei unserem Nachbarn im Westen nichts Neues zu entstehen. Die Deutschen sprachen von Reformunfähigkeit oder Reformstau, vom schleichenden Niedergang des Landes, das die Deutschen gern "Grande Nation" nennen, obwohl den Franzosen dieser Begriff völlig fremd ist.

Jetzt, vor der Präsidentschaftswahl, weht plötzlich ein Wind durch deutsche Amtsstuben und Redaktionsräume. Der Economist titelt "The next French revolution", auch Spiegel und Süddeutsche Zeitung bemühen in Leitartikeln und Meinungsbeiträgen das große Wort. Emmanuel Macron, Überraschungskandidat und heute Favorit, schreibt es sich auf das Rednerpult, von dem aus er den Franzosen den großen Umbruch verkündet: "Revolution en marche!" Titel seines Programmbuchs: Révolution. Und selbst François Fillon, Musterkandidat der französischen Polit-Elite, outet sich in einem Interview in der konservativen Zeitung Valeurs actuelles als Vertreter eines "programme révolutionnaire".

Sollte es wirklich so sein, wie manch erfahrener französischer Politiker mit einem schwer zu durchschauenden Grad an Selbstironie sagt: Wir können nur Revolution?

Frank Baasner ist Romanist und Literaturwissenschaftler. Seit 1995 ist er Professor an der Universität Mannheim, seit 2001 außerdem Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg. ©dfi

Richtig ist: Die letzten großen Reformversuche sind gescheitert. Alain Juppé, Premierminister unter Jacques Chirac und stillschweigender Anwärter auf dessen Nachfolge, musste 1995 die mehr als nötige Rentenreform zurückziehen und dem Druck der Straße nachgeben. Dominique de Villepin, ein weiterer Premier von Chirac, musste 2006 sein Vorhaben eines neuen Arbeitsvertrags (CPE – Contrat première embauche) mit dem Ziel der Verringerung der Jugendarbeitslosigkeit zurückziehen, als sich eine Streikfront aufbaute. Und François Hollande ging es kaum besser als Nicolas Sarkozy, beide hatten sich viel vorgenommen und kamen doch nur mit Bruchstücken der einst geplanten Reformen durch ihre Amtszeiten.

Stimmt also, was der ehemalige Außenminister Jean François-Poncet mir vor einigen Jahren sagte: "Wir Franzosen bewegen uns erst, wenn wir mit Vollgas auf eine Wand zurasen"?

Die Revolution ist Frankreichs Selbstverständnis

Warum wird der Begriff Revolution so hoch gehalten in einem Land, das seit mehr als 100 Jahren nicht mehr durch radikale Umstürze und Neuanfänge aufgefallen ist? Die Antwort liegt in der nationalen Selbstbeschreibung. Seit dem 19. Jahrhundert haben sich fortschrittliche Kräfte des Landes immer in die Tradition von 1789 gestellt. Und nach dem Zweiten Weltkrieg war es Konsens zwischen dem gemäßigt-linken und dem bürgerlichen Lager, dass man sich auf "republikanische Werte" berief. Der Neustart Frankreichs nach der Schmach von Niederlage und Kollaboration gelang durch die einende Kraft dieser "Werte der Republik" – sie lauten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (heute würde man den 1905 definierten Begriff der Laizität hinzufügen).

Der Charme dieses Rückbezugs auf eine epochale Bedeutung Frankreichs liegt darin, dass ein Produkt der Revolution, die Erklärung der universellen Menschenrechte, bis heute den Anspruch erheben kann, der Weltgeschichte ein Ziel gegeben zu haben. Niemals wieder war Frankreich global so einflussreich – die großen Werte der Französischen Revolution haben alle Niederlagen Napoleons überdauert, sie stehen in einer Reihe mit der amerikanischen Bill of Rights. Mit der Gründung der Vereinten Nationen und der Übernahme der Menschenrechtserklärung lebt Frankreichs Gründungsmythos bis heute fort.

Denn darum geht es: um den Gründungsmythos. Man stellt den Begriff Revolution in den Vordergrund, pauschal positiv besetzt und mit nationalem Stolz aufgeladen. Kaum jemand geht ins Detail, fragt nach den Schattenseiten der Terreur, nach den mittel- und langfristigen Schäden für die französische Gesellschaft, die sich Dantons Feldzug gegen die sogenannten Zwischengewalten ergeben haben – es sollte nichts und niemand zwischen dem gottgleichen Citoyen und der zur neuen Sakralität erhobenen revolutionären republikanischen Regierung stehen.

So wird bis heute niemand am Lack der großen Revolution kratzen wollen – lieber bedient man sich des Begriffs im vollen Bewusstsein seiner Unschärfe.