Unter dem Schlaglicht der Präsidentschaftswahl sieht man auf einmal ganz klar, wie die Franzosen zu Europa stehen. Eine Stimme für einen der Kandidaten ist auch eine Stimme für dessen Grundüberzeugungen zur europäischen Einigung. Und ein Blick auf die Umfragen zeigt vor allem eins: Die europäische Idee in Frankreich ist erkrankt. Nicht der Kulturkontinent Europa, die Brücke zwischen Ost und West oder die deutsch-französische Freundschaft. Diese Dinge sind lebendig und wohlauf. Krank ist nur ein Europa: das institutionelle.

Zählen wir einmal: Die Partei von Marine Le Pen, die in jüngsten Umfragen bei mindestens 22 Prozent der Stimmen liegt, will die Europäische Union verlassen, auch wenn sie diese Forderung zuletzt etwas abgeschwächt hat und einen Austritt nun von einem Referendum abhängig machen will. Der Linke Jean-Luc Mélenchon, der in Umfragen aufgeholt hat und nun bei mindestens 18 Prozent liegt, will dasselbe – aus anderen Gründen. Diese sind der Triumph des "Großkapitals" und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die sich in der EU ausdrückten. Der Sozialist Benoît Hamon, dem Umfrageinstitute mindestens 7,5 Prozent der Stimmen zurechnen, will Frankreichs Schulden neu verhandeln, was nichts anderes als einen Austritt aus dem Euro bedeutet. Wir sind bei fast 50 Prozent, die auf die eine oder andere Weise das institutionelle Europa verlassen wollen. (Und meine Zahlen sind die jeweils niedrigsten Prognosen.)

Auf der anderen Seite: Der Zentrist Emmanuel Macron und der Republikaner François Fillon, beides resolute Europäer. Macron hat sogar gute Chancen, der nächste Präsident zu werden.

Was Europa betrifft, gibt es heute zwei Frankreichs. Auf den ersten Blick scheint die europäische Frage kein zentrales Wahlmotiv zu sein: Macron zieht junge, moderne Wähler an, die sich ein skandinavisches Gesellschaftsmodell wünschen; Fillon jene, die sich Strukturreformen wünschen; Mélenchon und Hamon Menschen, die sich einen "echten" Sozialismus wünschen; und Le Pen vereint hinter sich Franzosen, die weniger Immigration und weniger Moscheen wollen.

Chantal Delsol ist Philosophin und Schriftstellerin. Sie ist Professorin an der Universität Marne-la-Vallée und beschäftigt sich vor allem mit den Ursprüngen populistischer Politik. Für ihr Essay "Lob der Einzigartigkeit" erhielt sie 2001 den renommierten Preis der Académie française. ©privat

Hinter diesen oberflächlichen Wünschen stehen aber europäische Fragen. Jede dieser Realitäten ist ein Derivat europäischer Politik. Ob es nun deshalb ist, weil sie Austerität verordnet oder weil sie die Grenzen für Einwanderung öffnet.

Aber auch diese Dinge sind nur Nebenschauplätze. Die Franzosen sind viel grundlegender beunruhigt, das Vertrauen in die Institutionen ist gebrochen, in Paris wie in Brüssel. So sehr, dass viele von ihnen bereit sind, Le Pen und damit einen Frexit zu wählen, aus wie auch immer gearteten Gründen. Denn die Klagen der Franzosen gegen die EU – offene Grenzen für Migranten, übergriffiger Kapitalverkehr, exzessive Liberalisierung, aufgezwungene Ideologie – lassen sich alle in einer Hauptklage zusammenfassen: Die EU steht für eine inhärent antidemokratische Zukunft.

Die europäische Frage ist eine Klassenfrage

54 Prozent der Franzosen stimmten 2005 gegen die Europäische Verfassung und sahen sie dann später mit dem Vertrag von Lissabon durch die Hintertür doch eingeführt. Ihr Votum wurde disqualifiziert und annulliert. Viele Bürger ärgern sich über den medialen Konsens pro Europa, der teilweise hysterische Züge annimmt und Menschen, die an dieser Vision zweifeln, als Idioten darstellt. Sie sind beunruhigt darüber, wie einen Tag nach dem Brexit über die Anti-Brexit-Demos in London berichtet wurde, als wäre es in Ordnung, sogar gut, dass Menschen einen klar formulierten Volkswillen annullieren wollen. Sie sind beunruhigt, dass die Eliten der Institution Europa sich wie Despoten verhalten, wenn sie im Geheimen verhandeln, sich keiner Diskussion stellen, keine Alternativen präsentieren. In der EU wird platonisch regiert, und Platon war – wir erinnern uns – kein Demokrat.

Die Eliten hören nicht auf das Volk

Soziologisch sind die Wählerschichten eindeutig. Der Unterschied zwischen denen, die gegen die Verfassung stimmten, und denen, die sie gegen ihren Willen durchsetzten, ist der zwischen einer eingewurzelten Gemeinschaft und einer kosmopolitischen Elite. Und das macht die europäische Frage zu einer Klassenfrage.

Wie überwinden wir diese Kluft? Auf der einen Seite unsere nationalen und europäischen Eliten, die den Universalismus verteidigen, den Kosmopolitismus, die moralisch und gesinnungsethisch argumentieren. Auf der anderen ein großer Teil unserer Bevölkerung, der in überschaubaren Gemeinschaften denkt, ob Patriotismus oder Regionalismus, und verantwortungsethisch handelt.

Historisch waren es immer schon Eliten aus den Zentren, die den peripheren Bevölkerungen den Universalismus beibringen wollten. Und oft stießen sie damit auf Widerstand. Und auf großes Unverständnis beiderseits. Oft denken Eliten, der Partikularismus der "einfachen Leute" gründe sich in einer ökonomisch schwachen Situation. Auch heute diskutiert man wieder darüber, was die EU den Bürgern materiell nützt: dass soundso viel Geld in die Landwirtschaft geht oder in strukturschwache Gebiete fließt.

Dahinter steht ein Missverständnis. Denn den antieuropäischen Parteien geht es zuallererst um etwas ganz anderes: die Autonomie. Und die ist nicht mit Geld aufwiegbar.

Es geht um Autonomie, nicht um Geld

Jene, die den Austritt wählen könnten, fragen nicht nach Geld, sie wollen, dass ihre Entscheidungen zählen. Sie wollen den erhöhten Lebensstandard nicht mit ihrer Autonomie bezahlen. Sie lehnen die EU nicht ab, weil sie nicht genug Subventionen schickt, sondern weil die Institution, die ihren Alltag so sehr beeinflusst, sie ignoriert, weil sie nicht haftbar gemacht werden kann und die Kritik an ihr sofort als Auslassungen der Abgehängten gebrandmarkt wird. Und was antwortet die EU? Seht nur, die ganzen Vorteile, die ihr bekommt, was wollt ihr mehr?

In diesem Dialog unter Gehörlosen verschwindet Stück für Stück diese schönste aller Visionen. Die einmalige Chance in der Geschichte, ein geeintes Europa zu schaffen.

Um das zu erreichen, gibt es in meinen Augen nur eine Möglichkeit. Die Institution Europa muss bis zum letzten Ende das Versprechen erfüllen, das sie seit den 1980er Jahren vor sich herträgt, aber nie ganz eingelöst und zu Teilen ins Gegenteil gekehrt hat: das Prinzip der Subsidiarität. Es besagt, dass die jeweils höhere administrative Ebene nur dann einschreitet, wenn die kleinere nicht in der Lage dazu ist. Und deren höchstes Gut die Hilfe zur Selbsthilfe ist, von oben nach unten. Also kommt die Region zuerst, dann der Nationalstaat und erst als Letztes die EU.

Europas Institutionen müssen sich radikal reformieren

Die Menschen verlassen das europäische Schiff nicht, weil sie schlecht erzogen und wenig gebildet sind. Sie verlassen es, weil man ihnen nicht zuhört. Und weil sich in den europäischen Institutionen, wie Jacques Delors es 1999 in der Kathedrale von Strasbourg sagte, ein "sanfter und aufgeklärter Despotismus" herausgebildet hat.

Es ist unmöglich, Demokrat zu sein und die öffentliche Meinung zu ignorieren. Genau aus diesem Widerspruch erwächst die radikale Ablehnung der EU. Die europäischen Institutionen müssen sich radikal reformieren, sonst werden sie vergessen. Es wäre die größte vorstellbare Schande, wenn wir den so wertvollen Schatz Europa deshalb verlieren, weil ein paar Bürokraten denken, sie können oberhalb der öffentlichen Meinung regieren.

Aus dem Französischen übersetzt von Fabian Federl