Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete sie einst als die "Stärke im Ausland". Rund 2,8 Millionen Türken leben zwar nicht in der Türkei, dürfen aber bei nationalen Abstimmungen mitentscheiden. Das ist auch beim anstehenden Referendum über die Verfassungsänderung in der Türkei wichtig, denn da wird es knapp zwischen dem Lager um Präsident Erdoğan und dem seiner Gegner.

Bei der jüngsten Parlamentswahl am 11. November 2015 machten die Auslandstürken nach Zahlen des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung in Duisburg etwa fünf Prozent aller Stimmen aus. Die Zahl der Auslandstürken und ihr Anteil an der Wahlbevölkerung dürfte sich seitdem nicht signifikant verändert haben. Rund die Hälfte der wahlberechtigten Auslandstürken leben in Deutschland, gefolgt von Frankreich mit rund 320.000 Türken. In beide Länder reisten türkische Minister für Wahlkampfauftritte. Sie warben für Erdoğans umstrittene Pläne, ein autoritäres Präsidialsystem in der Türkei einzuführen.

Bis 2011 konnten alle Türken nur innerhalb der Türkei wählen. Erst seitdem können sie ihre Stimme in einigen europäischen Ländern auch in Konsulaten und Botschaften abgeben, wenn sie sich dafür vorher registrieren. Vom 27. März bis 9. April sind die Wahlurnen für Auslandstürken geöffnet.

In den kleineren Ländern und dort, wo nur wenige Türken wohnen, gibt es diese Möglichkeit nicht. Beispielsweise in Kroatien, Portugal oder Estland. Die dortigen Türken müssen weiterhin an die Flughäfen oder die anderen türkischen Grenzübergänge, um zu wählen.

Auch wenn also die meisten Auslandstürken vor Ort abstimmen können, lag bei der jüngsten Parlamentswahl die Wahlbeteiligung in jedem europäischen Land bei unter 50 Prozent. Während in Griechenland nur sechs Prozent aller Stimmberechtigten wählten, erreichte Tschechien die höchste Wahlbeteiligung mit 47 Prozent. In Deutschland stimmten rund 41 Prozent ab.

In vielen Ländern unterstützen die Auslandstürken mehrheitlich die AKP. In Belgien, den Niederlanden, Österreich und Deutschland bekam die Regierungspartei prozentual die meisten Stimmen, mehr als in der Türkei selbst. In diesen Ländern stimmten nur wenige für die prokurdische HDP, die in Großbritannien und Finnland die meisten Stimmen sammelte.

Politiker der HDP, die sich nicht in Haft befinden, werben öffentlich für ein Nein beim Referendum. Auch die größte Oppositionspartei CHP wirbt für ein Nein. Die Zustimmung zu diesen Parteien bei der Wahl 2015 könnte also einen Hinweis geben, wie groß das Nein-Lager im anstehenden Referendum ist.

Auf der anderen Seite unterstützen neben der AKP auch Teile der nationalistischen MHP die geplante Verfassungsänderung. Allerdings deuten Umfragen darauf hin, dass auch AKP-Anhänger und viele MHP-Anhänger zu einem Nein beim Referendum tendieren. Die Wahlergebnisse von 2015 lassen sich also nicht eins zu eins auf die jetzige Abstimmung übertragen.

Türkei - Was in der Verfassungsreform Erdoğans steht Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan strebt eine Verfassungsreform für das Präsidialsystem an, die ihm mehr Macht verleihen würde. Hier die Punkte der Reform im einzelnen