Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die in Europa lebenden Türken aufgerufen, ihren Einfluss auszubauen und mehr Kinder zu bekommen. "Macht fünf Kinder, nicht drei, denn ihr seid Europas Zukunft", sagte Erdoğan bei einem Wahlkampfauftritt im westtürkischen Eskişehir. Dies sei die "beste Antwort" auf die "Unhöflichkeit" und "Feindschaft", die ihnen entgegengebracht werde.

Erdoğan ist Vater von vier Kindern. In der Vergangenheit hatte er die türkischen Frauen bereits dazu aufgerufen, mindestens drei Kinder zu haben, was bei Frauenrechtsaktivistinnen auf scharfe Kritik gestoßen war.

"Da wo ihr arbeitet und lebt, ist nun eure Heimat. Gründet noch mehr Betriebe. Schickt eure Kinder in bessere Schulen. Lasst eure Familien in besseren Stadtteilen leben. Steigt in die besten Autos. Wohnt in den schönsten Häusern", sagte Erdoğan bei seinem Auftritt weiter. Zugleich warf er den Europäern vor, Türken nur zu dulden, wenn diese niedere Arbeiten verrichteten. "Gegen den Türken, der als Arbeiter in der Fabrik arbeitet, haben sie keine Einwände. Aber gegenüber dem Türken, der Besitzer, Ingenieur oder Leiter dieser Fabrik ist, haben sie keine Toleranz mehr."

Türkei - Was in der Verfassungsreform Erdoğans steht Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan strebt eine Verfassungsreform für das Präsidialsystem an, die ihm mehr Macht verleihen würde. Hier die Punkte der Reform im einzelnen

In seiner Rede unterstellte Erdoğan den Europäern auch, mit ihrer Kritik an der Türkei in Wahrheit den Aufstieg des Landes verhindern zu wollen: "Denn die Türkei, von der sie träumen, ist eine Türkei, die in jeder Hinsicht abhängig von ihnen ist und die sie herumschubsen können wie sie wollen. Und dasselbe empfinden sie gegenüber den Türken in ihren eigenen Ländern."

Merkel mit Hitlerbart

Vor dem Referendum über eine Verfassungsänderung zur Stärkung von Erdoğans Macht am 16. April sind die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU an einem Tiefpunkt angelangt. Erdoğan wirft den Europäern vor, Türken und andere Muslime zu diskriminieren. Im Streit um türkische Wahlkampfauftritte in Deutschland und den Niederlanden sprach er von "Nazimethoden" und warnte vor einer Rückkehr des Faschismus. Die regierungsnahe türkische Zeitung Günes druckte auf der Titelseite ihrer Freitagsausgabe eine Fotomontage von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Hitlerbart in schwarzer Uniform. Dazu schrieb sie die Worte "Frau Hitler" auf Deutsch und "hässliche Tante" auf Türkisch. Neben ihr prangt ein großes Hakenkreuz.

Auch die türkische Regierung setzte ihre Angriffe gegen Deutschland fort. "In Deutschland wird die Demokratie mit Füßen getreten", sagte Ministerpräsident Binali Yıldırım bei einer Wahlkampfveranstaltung im osttürkischen Gümüşhane. Justizminister Bekir Bozdağ sagte bei einem Wahlkampfauftritt, die türkische Justiz sei zweifellos "gerechter, unabhängiger und unparteiischer" als die deutsche Justiz.

De Maizière kritisiert Provokationen

Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière (CDU) kritisierte, dass es jeden Tag neue Provokationen aus der Türkei gebe. Ziel sei, das Land in eine Opferrolle zu bringen. "Es soll ein Reiz-Reaktions-Schema ausgelöst werden, sodass wir ständig über diese Provokationen reden." De Maizière verteidigte die Zurückhaltung der Bundesregierung. "Jetzt muss man unterscheiden zwischen dem, was uns wirklich persönlich auf den Geist geht, und dem, was politisch klug ist."

Zugleich bestand de Maizière auf die Einhaltung des europäisch-türkischen Flüchtlingsabkommens. "Auch da wird versucht, dass wir da in irgendeiner Weise um dieses Abkommen betteln und all das. Das wird nicht geschehen." Türkische Politiker haben in den vergangenen Wochen immer wieder gedroht, das Flüchtlingsabkommen mit der EU aufzukündigen. Der türkische Innenminister Süleyman Söylu drohte zuletzt damit, Tausende Flüchtlinge in die EU zu schicken. "Wenn ihr wollt, schicken wir euch die 15.000 Flüchtlinge, die wir jeden Monat zurückhalten."

Außenminister Sigmar Gabriel kritisierte die Regierung in Ankara derweil erneut, weil die deutsche Botschaft noch immer keinen Vertreter zum inhaftierten Journalisten Deniz Yücel schicken konnte. "Es wäre enttäuschend, wenn wir uns auf ein Wort des türkischen Ministerpräsidenten nicht mehr verlassen könnten", sagte er dem Spiegel. "Wenn die Türkei wirklich ein Rechtsstaat ist, wie Herr Erdoğan behauptet, dann frage ich mich, wie er schon vor Beginn eines Gerichtsverfahrens wissen kann und sagen darf, dass Deniz Yücel ein Terrorist und Spion sei." Ministerpräsident Binali Yıldırım hatte der Bundeskanzlerin Anfang März konsularischen Zugang zu Yücel versprochen. Dem Reporter wird vorgeworfen, Terrorpropaganda betrieben zu haben. Er weist dies zurück.