ZEIT ONLINE: Frau Kızılocak, die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die bisher die Wahlkampfauftritte türkischer Regierungsvertreter in Deutschland organisierte, hat nun alle weiteren Auftritte abgesagt. Wie erklären Sie sich diese Entscheidung?

Gülay Kızılocak: Zuerst mal entscheidet die UETD so etwas nicht allein, so etwas entscheidet die AKP in der Türkei. Die UETD organisiert die Auftritte in Deutschland nur, damit diese als Privatveranstaltungen zählen können. Denn auch das türkische Recht untersagt eigentlich offizielle Wahlkampfauftritte in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Die UETD begründet die Entscheidung damit, dass es in Deutschland keine Meinungsfreiheit gäbe und die Sicherheit nicht gewährleistet sei.

Kızılocak: Das ist zwar falsch, aber doch nicht ganz falsch. Die Kommunen haben nicht die Meinungsäußerungen selbst verboten, sondern die Veranstaltungen aus organisatorischen Gründen abgesagt, weil sie oft unter falschen Angaben angemeldet wurden. Aber so haben die Kommunen für ein paar Tage die deutsche Außenpolitik übernommen. Das war nicht richtig, die Bundesregierung hätte sich statt der Kommunen äußern sollen. Und generell bin ich der Meinung, dass es die Verbote nicht gebraucht hätte. Man hätte das zulassen können in einem liberalen Land wie Deutschland.

ZEIT ONLINE: Was also steckt wirklich hinter der Absage von türkischer Seite? Bisher hatte man ja den Eindruck, dass die AKP-Regierung es auf immer weitere Eskalation anlegt.

Kızılocak: Aber diese Eskalation hat ihren Höhepunkt ja schon erreicht. In den Niederlanden waren die Provokationen erfolgreich. Das hat es der AKP ermöglicht, das Bild eines antitürkischen Europas zu zeichnen. Und das wiederum hilft, jene sehr patriotischen bis nationalistischen Türken auf die eigene Seite zu ziehen, die bisher beim Referendum eher mit Nein stimmen wollten. Jene, die ihren türkischen Stolz durch die Verbote in den Niederlanden gekränkt sehen. Das sind wahrscheinlich viele.

ZEIT ONLINE: Deutschland hat gelassener reagiert als die niederländische Regierung.

Kızılocak: Und das war auch richtig so. Nun haben sich die Provokationen abgenutzt. Was sollte denn nach den Merkel-Hitler-Vergleichen noch kommen? Mehr geht ja nicht. Die AKP-Regierung hat gemerkt, dass sie auch damit die deutsche Seite nicht zu einer heftigen Reaktion treiben kann. Deshalb lohnt es sich nicht, weiter zu beleidigen, wenn diese Beleidigungen ohne Folgen bleiben. Das könnte im Gegenteil schnell machtlos wirken. Hinzu kommt, dass eine weitere Eskalation mit Deutschland ja nur eine Wiederholung des Streits mit den Niederlanden gewesen wäre. Die AKP hatte ihren Punkt also schon gemacht.

ZEIT ONLINE: Ist die Absage also auch ein Erfolg der deutschen Diplomatie?

Kızılocak: Ja, weil sich der mäßigende Ton offenbar gelohnt hat. Aber ob in den Hinterzimmern der Türkei etwas geboten oder mit etwas gedroht wurde, um die Absage zu erreichen, wissen wir natürlich nicht.

ZEIT ONLINE: Ist das eine Kehrtwende von Erdoğan hin zu mehr Mäßigung?

Kızılocak: Das wissen wir nicht. Er ist der beste politische Taktiker der Türkei und führt immer sehr emotionale Wahlkämpfe. Er weiß auch, dass die Erregung und Euphorie der Wähler noch vier Wochen bis zum Abstimmungstermin halten muss. Das war wegen der nüchternen deutschen Reaktion nicht möglich. Aber ich bin sicher, dass er sich neue Konfliktfelder suchen wird. Er tritt ja drei- oder viermal am Tag öffentlich auf, da wird ihm sicher noch etwas Neues einfallen.

ZEIT ONLINE: Welche Hebel haben Deutschland und die EU, um auf Erdoğan einzuwirken?

Kızılocak: Die Türkei und Deutschland sind voneinander abhängig, und das weiß auch Erdoğan sehr gut. Er weiß, dass die Urlaubsbuchungen von Deutschen um 60 Prozent zurückgegangen sind und er will wirtschaftliche Unterstützung aus Deutschland. Das wird bei der Entscheidung auch eine Rolle gespielt haben. Deshalb ist die Absage der Wahlveranstaltungen auch eine wichtige Erinnerung daran, dass es sich lohnt, im Gespräch zu bleiben.

ZEIT ONLINE: Sollten wir Erdoğans Gepöbel weniger Aufmerksamkeit schenken?

Kızılocak: Ja und nein. Ja, weil das bei ihm zum Wahlkampf gehört. Schauen Sie, wie oft er jetzt schon mit der Aufkündigung des Flüchtlingsabkommens gedroht hat, und passiert ist nichts. Das dient der Mobilisierung der Anhänger. Was er dann wirklich umsetzt, ist eine andere Frage. Aber auf der anderen Seite müssen wir ernst nehmen, was er sagt und wie er es sagt, er ist schließlich das Staatsoberhaupt. Fatalerweise verdecken seine lauten Sprüche die vielen anderen Meinungen und Positionen in der Türkei. Das Wichtigste ist, Erdoğan nicht mit der Türkei gleichzusetzen.