Es ist noch nicht vorbei. Die Wahlkampfauftritte türkischer Minister und anderer Vertreter der AKP, der Partei von Staatspräsident Tayyip Erdoğan, in Deutschland werden noch weitergehen ­– der große Meister selbst hat sich ebenfalls angekündigt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Bundesregierung seinen Besuch öffentlich als unerwünscht bezeichnen wird. Und das ist auch richtig so: Vertreter der türkischen Regierung sollten nicht darüber bestimmen oder provozieren, dass in ein so hohes demokratisches Gut wie die Versammlungs- und Meinungsfreiheit eingegriffen wird – auch wenn diese Meinung unerträglich ist. Obwohl Erdoğan Deutschland "Nazi-Methoden" vorgeworfen hat, ist bislang nichts Gegenteiliges zu hören.

Gegen Erdoğan wird die martialische, antideutsche Rhetorik seiner Minister wie Schuljungengegröle wirken, davon ist auszugehen. Keiner von ihnen beherrscht das Metier der nationalistisch-religiösen Rede mit einem Touch trotzigem Aufsteiger-Slang so wie er. Gut für ihn, da es einen großen Teil seines Erfolgs bei seinen Anhängern ausmacht; aber schlecht für seine Anhänger in Deutschland und in anderen europäischen Ländern.

Denn es gibt eine Gefahr, die diese Leute in der ganzen Debatte um Wahlkampfauftritte, das Referendum zur Verfassungsänderung in der Türkei und die aggressive deutschland- und europafeindliche Rhetorik nicht sehen oder sehen wollen. Ja, vielleicht nehmen Erdoğans Anhänger das sogar in Kauf: Jede Rede von Nazideutschland, von Faschisten, von einer angeblichen Unterdrückung der Türken hier, jedes "Wir kommen, wenn wir wollen, ihr könnt uns gar nichts" wird nicht nur wohlwollende Bürger entfremden und abstoßen, sondern auch rechtspopulistische Parteien in Europa stärken helfen. Und das wiederum wird nicht nur möglicherweise Konflikte für das Zusammenleben von Deutschen und Türkischstämmigen bringen, für das Zusammenleben von Türkischstämmigen unterschiedlicher politischer Couleur – es wird das Leben von Muslimen hier erschweren.

Ob etwa den Organisatoren des Auftritts von Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu bewusst war, dass in den Niederlanden in weniger als einer Woche gewählt wird? Und ein Mann laut Umfragen vorn liegt, dessen Parteiprogramm im Wesentlichen davon handelt, den Islam "zu stoppen"? Den Koran zu verbieten und Moscheen zu schließen?

Sind sich die Verantwortlichen klar, dass demnächst auch in Frankreich ein neuer Staatspräsident gewählt wird? Wo eine Kandidatin große Erfolge feiert, die nichts auf Europa gibt und schon mal öffentlich betende Muslime mit den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg verglich?

Und denken die smarten, oft in Deutschland aufgewachsenen, gut ausgebildeten Berater der türkischen Regierungspartei in Deutschland und den anderen europäischen Ländern eigentlich auch mal daran, dass im September ein neuer Bundestag gewählt wird? Auch hier gibt es eine islamkritische Partei. Warum nur wollen die türkische Regierung und ihre Fans Teil des Erfolges dieser Leute sein?
Es versteht sich von selbst, dass trotzdem auch dann die wahren Demokraten in diesem Land hinter dem Schutz der Minderheit stehen müssen. Ohne Ambivalenz geht es leider nicht.

Vielleicht mag es sich wie ein kurzfristiger Erfolg anfühlen, wenn man meint, die deutsche Bundeskanzlerin oder andere Politiker und Parteien der Mitte auch noch in ihrem eigenen Land zu brüskieren, indem man Breitbeiniges sagt. Oder indem man hier zynisch Freiheitsrechte einfordert, die man zu Hause anderen verwehrt. Aber damit kann man eben nur zu Hause, vor seinem eigenen Publikum, angeben, das man eh nicht mehr gewinnen muss. Ansonsten kann man nur verlieren.

Zum Beleidigen gehört nämlich nicht nur ein Sender, sondern auch ein Empfänger. Diejenigen, die in diesen Tagen gratismutig Einreiseverbote und "klare Kante" oder öffentlich definierte "rote Linien" gegen die türkische Regierung fordern, sollten sich ebenfalls einen Augenblick zurücklehnen, durchatmen und sich fragen, wohin eine solche Annahme von Provokation und Eskalationszwang führen wird. Und was eine Schwächung von strunzvernünftigen Politikern bedeutet, die angeblich vor Erdoğan kuschen (weil der sonst die Flüchtlinge losschickt – warum diese gängige Argumentation der Erpressbarkeit nicht stimmt, erklären mein Kollege Michael Thumann und ich in der aktuellen Ausgabe der ZEIT).

Wird dadurch etwa unser Kollege Deniz Yücel freikommen? Oder irgendein anderer zu Unrecht inhaftierter türkischer Kollege? Das Ding hier braucht keinen atemlosen Sprint, sondern atmenden Marathon. Denn auch die umgekehrte Annahme stimmt: Der Erfolg der rechtspopulistischen Parteien und ihnen zugewandte Bürger bewirken mit ihrer Haltung und Rhetorik, dass sich der eine oder andere Türkischstämmige und/oder Muslim ebenfalls ab- und woandershin wendet.

Es ist immer noch nicht zu spät, sich solche Gedanken vorzulegen. Wo keine Hoffnung, da kein Raum zum  Handeln.

Ach, und natürlich: Es passt zwar nicht direkt zu diesem kleinen Text, aber gilt doch immer und jederzeit: #FreeDeniz #JournalismusIstKeinVerbrechen