Auf fast wundersame Weise haben Russland und der Nato-Westen binnen weniger Jahren die Rollen getauscht.

Bis vor Kurzem galt der Westen als stark. Die russische Führung unter Präsident Wladimir Putin hingegen klagte, ihr Land sei "durch die Nato eingekreist" worden und der Westen missachte die "legitimen russischen Sicherheitsinteressen", indem er mit seinen Organisationen (Nato, EU) immer näher an die russischen Grenzen rücke. Kurz: Russland sei durch den Westen bedroht und müsse sich wehren. Seit einigen Jahren gesellen sich zu diesen Klagen immer selbstbewusstere Töne.

Umgekehrt häufen sich im Westen eher verzagte Befürchtungen. Russland wolle die dortigen Gesellschaften unterminieren, heißt es. Das Land führe unter Präsident Putin einen verdeckten Krieg, und zwar nicht nur gegen westliche Länder, sondern gegen das Konzept einer demokratischen, offenen Gesellschaft insgesamt. Immer öfter ist die Rede von einem neuen Kalten Krieg. Zur Ironie gehört, dass es aus Russland seit vielen Jahren die Klage gibt, der Westen haben den Kalten-Kriegsmodus nie verlassen und Russland immer, auch direkt nach der Selbstauflösung der Sowjetunion, als Feind angesehen.

Jens Siegert leitet am Moskauer Goethe-Institut das EU-Projekt "Public Diplomacy. EU and Russia". © privat

Diese Umkehrung begann, anfangs fast unmerklich, irgendwann nach der vielzitierten Münchner Rede Wladimir Putins auf der Sicherheitskonferenz vor zehn Jahren. Mit der Annexion der Krim durch Russland und dem von Russland geführten Krieg in der Ostukraine wurde das einer breiteren Öffentlichkeit bewusst. Gleichzeitig begannen immer mehr Menschen in Russland, aber auch im Westen, von einer Schwäche des Westens zu sprechen, einer Schwäche, die wie ein historisches Naturereignis über kurz oder lang zum Untergang seines demokratischen, auf Recht basierenden Gesellschaftssystems führen würde und zum Aufstieg einer neuen, von Russland an führender Stelle mitgestalteten Welt- und Gesellschaftsordnung.

Der Untergang des Abendlandes? Grad war’s noch da – und dann verschwand es
F.W. Bernstein

Im Sommer 2015 griffen russische Militäreinheiten in den Bürgerkrieg in Syrien ein, ohne dass die USA und ihre Verbündeten etwas dagegen taten – und die Rede von der Schwäche des Westens wurde noch lauter. Zu einem vorherrschenden Trend aber wurde sie im vergangenen Jahr in Folge des Brexit-Votums und vor allem durch den Wahlsieg von Donald Trump in den USA. Nicht wenige extrapolieren diese Entwicklung in die nahe Zukunft und sehen nach weiteren Schicksalswahlen (Frankreich und Deutschland) das Ende des Westens nah.

Die New York Times und die Washington Post werden seit Monaten nicht müde zu erklären, Trump habe seinen Sieg Putins Hackern zu verdanken. Die Monatszeitschrift New Yorker beschrieb in ihrer Märzausgabe auf vielen Seiten eine dystopische, vom Reich des Bösen gekaperte USA. Donald Trump wird "Putins Marionette" genannt und ein "unwissentlicher Agent" Moskaus. Vanity Fair ging noch ein bisschen weiter und stellte im November die Frage: "Is Trump a Manchurian Candidate?" Eine YouGov-Umfrage vom Dezember 2016 zeigte, dass die Hälfte der US-Amerikaner glaubt, "Russland habe an der Stimmenauszählung gedreht".

Der Ernst der Lage ist begriffen

In anderen westlichen Ländern, darunter auch in Deutschland, wächst die öffentliche Furcht vor Russland. Die ZEIT versah ihr Titelblatt am 23. Februar dieses Jahres mit einem Reichstag im Fadenkreuz und der Frage: "Deutschland im Visier?" Ähnliche Titel, Geschichten und Leitartikel lassen sich in der Welt oder im Spiegel finden. Auch ARD und ZDF bedienen die Westen-Untergangsphantasien. Ein wahres Festival von Endzeitpropheten und Apokalyptikern, wie es zuletzt in den frühen 1980er Jahren zu beobachten war, als Ronald Reagan im europäischen Osten das Reich des Bösen ausmachte und viele Menschen, darunter auch ich, im Westen auf den sogenannten Nato-Doppelbeschluss mit ausufernden Atomkriegsängsten reagierten.

Natürlich stimmt daran vieles. Die Lage ist ernst, sehr ernst. Russland führt in der Ukraine, also mitten in Europa, Krieg und hat mit der Annexion der Krim die Nachkriegsfriedensordnung auf dem Kontinent ausgehebelt. Keiner der russischen Nachbarstaaten kann sich mehr seiner Grenzen sicher sein. Die Nato wackelt und die EU ist zutiefst verunsichert.

Der russische Staat versucht auf vielfältige Weise, auf die politischen Prozesse im Westen Einfluss zu nehmen. Die Mittel reichen von Fake-News über mit russischem Geld oder gar Regierungsgeld in westlichen Ländern operierende Massenmedien über Kooperation mit politischen Parteien und einzelnen Politikern und deren gezielter auch finanzieller Förderung bis zu Internettrollfabriken für die sozialen Medien. Hinzu kommen, soweit wir das wissen können, Geheimdienstoperationen einschließlich wohl gezielter Hackerangriffe wie den auf die Demokratische Partei in den USA oder den Deutschen Bundestag. Auch Wikileaks macht zunehmend den Eindruck, zum Kreml-Arsenal zu gehören.