Im Abschotten und Abweisen ist Viktor Orbán groß. Er verbarrikadiert sein Land gegen Einwanderer wie kein anderer in der EU, er sperrt Flüchtlinge neuerdings in Internierungslager. Vergangene Woche wetterte Ungarns Ministerpräsident gegen die "unheilige Allianz" aus Brüsseler Bürokraten, liberalen Medien und internationalem Kapital, die in seinen Augen die Souveränität der Nationalstaaten gefährdet. In einer Hinsicht aber sind ihm Ausländer und deren Kapital dann doch höchst willkommen: Ungarn buhlt massiv um ausländische Firmen, damit sie sich im Land ansiedeln. Dafür sind Orbán viele Mittel recht – und vor allem deutsche Firmen springen darauf an.

Schon jetzt sind es vor allem die hohen Investitionen aus dem Ausland, denen die ungarische Wirtschaft es maßgeblich verdankt, dass sie wächst – und zwar gehörig. Fast jeder zweite Euro, der ins Land fließt, stammt von ausländischen Firmen. Bei den Industrieinvestitionen sind es sogar 75 Prozent. Und rund ein Drittel der Investitionen im verarbeitenden Gewerbe stammt aus Deutschland. Der Autobauer Audi ist mittlerweile zweitgrößtes Unternehmen im Land, hinter der ungarischen Erdölgesellschaft. Audi Ungarn schreibt sechs Milliarden Euro Umsatz (rund ein Zehntel des Audi-Gesamtertrags) und hat 6.000 Mitarbeiter. Eon und die Handelskette Metro rangieren ebenfalls unter den Top Ten in Ungarn.

Daimler will demnächst sogar für eine Milliarde Euro eine neue Fabrik bauen. Thyssenkrupp, Bosch und Siemens, "quasi jeder, der sich überlegt hat, im Ausland Kapazitäten aufzubauen, ist schon hier", sagt Dirk Wölfer von der deutsch-ungarischen Industrie- und Handelskammer (DUIHK). Insgesamt zählt die Bundesbankstatistik über 730 deutsche Firmen, die für rund 200 Milliarden Euro Umsatz in Ungarn sorgen und 174.000 Beschäftigte haben. Und vermutlich werden noch einige folgen: Die Umsätze der deutschen Firmen in Ungarn steigen und die Aussichten für die weitere Entwicklung sind gut.

Längst nicht mehr nur die verlängerte Werkbank

Schließlich hat Orbán auch erst zum Jahreswechsel ein gigantisches Steuersenkungsprogramm für Unternehmen angekündigt: Egal ob Groß- oder Kleinunternehmen, alle Firmen sollen einheitlich nur noch neun Prozent Steuern auf ihre Erträge zahlen. Das kommt vor allem Großkonzernen zugute und bedeutet etwa eine halbe Milliarde Euro mehr in den Taschen der Unternehmen, rechnete Ungarns Finanzminister vor. Und es sind die niedrigsten Steuerquoten innerhalb der Europäischen Union, selbst in Irland, Zypern und Bulgarien zahlen Unternehmen mehr.

Zuletzt war Ungarn eines der am stärksten wachsenden Länder der EU. Und es ist "längst nicht mehr nur die verlängerte Werkbank" der großen Industrienationen, betont die Auslandshandelskammer vehement. Inzwischen forschen und entwickeln auch viele deutsche Konzerne wie Bosch und Siemens an der Donau. Allein Bosch hat dort ein Forschungszentrum mit 1.700 Ingenieuren aufgebaut, unter anderem für Elektromobilität – der größte Entwicklungsstandort des Konzerns europaweit. Insgesamt 12.200 Menschen arbeiten für Bosch Ungarn in der Fertigung.

Von der EU kommt nicht mehr so viel Geld

Doch nach drei und vier Prozent in 2014 und 2015 ist das Wachstum in Ungarn deutlich zurückgegangen – auf nur noch 1,8 Prozent im vergangenen Jahr. Vor allem weil die Regierung den Aufschwung nicht mehr selbst massiv anschieben kann, was sie zuvor mit großen Investitionen in die Infrastruktur getan hatte. Aus den EU-Fördertöpfen kommt nicht mehr so viel Geld, so sieht sich Orbán gezwungen, stärker um ausländische Firmen zu werben. Was eigentlich nicht in seine ursprüngliche Linie passt. Ausländische Banken, Versicherungen und Telekommunikationsunternehmen etwa bekamen bislang Sondersteuern auferlegt, Ungarn konvertierte auch Fremdwährungskredite zulasten von Auslandsbanken. Orbáns erklärtes Ziel war dabei stets, dass ungarische Unternehmen in vier Wirtschaftsbereichen gegenüber ausländischen Firmen die Oberhand haben sollen: im Energiesektor, im Finanzsektor, bei den Medien und im Einzelhandel. In den ersten drei Bereichen hat der Ministerpräsident dieses Ziel schon erreicht, sagen Ökonomen, im Handel auch schon fast.

"Aber generell ist man sich sehr wohl bewusst, dass man auf ausländische Firmen angewiesen ist", sagt Wölfer: "Deshalb hofiert man ja das verarbeitende Gewerbe auch so stark." Wie sehr Ungarns Wirtschaft an den Konzernen aus den Nachbarländern hängt, zeigten die Daten aus dem vergangenen Jahr, allerdings im negativen Sinne: 2016 brachen die Produktionszahlen im Maschinenbau ein, weil ein einziger Turbinenbauer seine Produktion umstellte. Ähnlich war es im Automobilsektor, in dem die Produktionszahlen einbrachen, weil Daimler und Audi auf neue Modellreihen wechselten. Ein paar Tage Stillstand bei zwei Autobauern reichten aus, um die Gesamtwirtschaftszahlen zu drücken.