Al-Jineh ist ein kleines Dorf im Norden Syriens – gelegen zwischen den Großstädten Aleppo und Idlib auf Territorium, das von verschiedenen Rebellengruppen kontrolliert wird. Am vergangenen Donnerstag feuerten zwei Reaper-Drohnen mehrere Hellfire-Raketen auf ein Gebäude neben einer Moschee in Al-Jineh und töteten mehrere Dutzend Kämpfer der Terrororganisation Al-Kaida. Mission accomplished. So lautet die Version des Pentagon.

Doch die mehr als 40 Toten waren keine Terroristen, sondern Zivilisten, die sich zum Gebet versammelt hatten. "Ein Massaker." So lautet der Kommentar der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die noch bis vor wenigen Monaten vor allem damit beschäftigt war, die zivilen Opfer russischer Luftangriffe zu zählen. Syrische Katastrophenhelfer, besser bekannt unter dem Namen Weißhelme, hatten da in Al-Jineh bereits die Leichen mehrerer Kinder aus den Trümmern geborgen.

Genau eine Woche zuvor waren 23 Zivilisten, darunter acht Kinder, bei einem Luftangriff nahe der vom IS-beherrschten Stadt Rakka gestorben. Das Pentagon bestätigte einen Einsatz von Kampfbombern zu diesem Zeitpunkt und kündigte eine Untersuchung an.

Angriffe der US-geführten Koalition in Syrien töten derzeit mehr Zivilisten als russische Kampfbomber. Zu diesem Schluss kam bereits im Februar die britische NGO Airwars, die mithilfe von Open-Source-Quellen den Luftkrieg ausländischer Staaten in Syrien, im Irak und in Libyen dokumentiert. Russlands Luftangriffe sind nach der Rückeroberung von Ost-Aleppo im Dezember vergangenen Jahres stark zurückgegangen, während die USA und ihre Verbündeten ihren Einsatz von Drohnen und Kampfflugzeugen gegen den IS und Al-Kaida deutlich gesteigert haben.

Nun gibt es einen entscheidenden Unterschied: Das russische Militär hatte ebenso wie das Assad-Regime die Zivilisten in Aleppo zu Unterstützern von "Terroristen" erklärt. Dazu zählt es allerdings sämtliche oppositionellen Gruppen. Angriffe auf Schulen, Märkte und Krankenhäuser gehörten ausdrücklich zur Strategie, um oppositionelle Gebiete wieder unter die Kontrolle des syrischen Regimes zu bringen. Allein in Ost-Aleppo starben dabei mehrere Tausend Menschen. Die US-geführte Koalition will zivile Opfer vermeiden. Doch inzwischen stellt sich die Frage, wie sehr dieser Vorsatz dem Drängen der neuen Administration in Washington untergeordnet wird, einen möglichst schnellen und "endgültigen Sieg" im Krieg gegen den IS und Al-Kaida zu verkünden.

"Bomb the shit out of them" – im Twitter-kompatiblen Format hatte Donald Trump während des Wahlkampfs seine vermeintlich neue Strategie gegen den IS formuliert. Da hatten die US-Luftangriffe allerdings bereits deutlich zugenommen. Nicht nur in Syrien, sondern auch im Irak bei der Offensive auf Mossul, dessen Befreiung Trumps Vorgänger Barack Obama gern noch in seiner Amtszeit verkündet hätte. Der Kampf um Iraks zweitgrößte Stadt ist nun in der Endphase. Immer mehr Zivilisten fallen einer Kriegsführung zum Opfer, in der Hellfire-Raketen und 500-Pfund-Bomben gegen einzelne Scharfschützen eingesetzt werden. "Unser Häuserblock wurde von 14 Luftschlägen getroffen, weil sich zwei IS-Kämpfer hier postiert hatten", berichtete ein Bewohner aus dem belagerten West-Mossul dem Onlinemagazin Middle East Eye.

Per Flugblatt waren die über 500.000 Menschen in den noch vom IS kontrollierten westlichen Stadtteilen aufgefordert worden, in ihren Häusern zu bleiben. Doch die eigenen vier Wände werden für immer mehr Bewohner zur tödlichen Falle. Laut Airwars starben allein in der ersten Märzwoche zwischen 250 und 370 Zivilisten durch Luftangriffe der US-geführten Koalition. Diese wiederum gibt an, zwischen November 2016 und Anfang März 2017 seien lediglich 21 Zivilisten durch Luftangriffe getötet worden. 

Anders als in Ost-Aleppo sehen die Menschen in Mossul den Einsatz von Kampfflugzeugen als notwendig an. Viele haben in den vergangenen Monaten immer wieder unter Lebensgefahr Positionen des IS nach außen gemeldet. Auch jener irakische Blogger, der seit bald zwei Jahren unter dem Pseudonym "Mosul Eye" das Schicksal seiner Heimatstadt unter der Herrschaft des IS dokumentiert, hat akribisch Daten über Bunker, Tunnel, Munitionsdepots und Scharfschützen des IS gesammelt. In einem Interview mit ZEIT ONLINE kritisierte er jedoch vor einigen Tagen den Bombenhagel der Befreier auf seine Stadt. Am vergangenen Samstag appellierte er noch einmal flehentlich an die internationale Gemeinschaft: "Stoppt die Luftangriffe und den Artilleriebeschuss auf die Altstadt von Mossul. (…) Hört auf, Zivilisten zu beschießen." Man müsse den IS aus der Altstadt herauslocken, statt den Krieg dorthin zu tragen.

Das ist leichter gesagt als getan – und jetzt auch zu spät. Sämtliche Brücken und Straßen nach West-Mossul, wo sich auch die Altstadt befindet, sind zerstört oder blockiert. Alles läuft auf einen Häuserkampf hinaus. Die irakischen Spezialeinheiten, die bei der Befreiung des Ostteils sehr vorsichtig vorgegangen waren, haben viele Soldaten verloren. Auch das dürfte ein Grund sein, warum nun immer häufiger die Kampfbomber gerufen werden.

Mossul wird irgendwann vom IS befreit sein. Die Frage ist nur, zu welchem Preis.