Weitgehend unbemerkt von der amerikanischen wie internationalen Öffentlichkeit haben die USA ihre Militärschläge in den vergangenen Wochen noch in einem dritten Land deutlich ausgeweitet: im Jemen. 

Der Krieg zwischen Rebellen der schiitischen Volksgruppe der Huthis und Kämpfern des ehemaligen Diktators Salih auf der einen Seite sowie Einheiten der – mehr oder weniger – legitimen Regierung des Präsidenten Hadi und seines Unterstützers Saudi-Arabien auf der anderen Seite hat nicht nur eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Er wird auch als Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran gesehen. Genau das hat die Spielräume für Al-Kaida und den IS vergrößert.

Im Jemen setzte schon Barack Obama Drohnen als bevorzugtes Mittel im "Krieg gegen den Terror" ein. Dass diese auch eine Form des Terrors gegen die Zivilbevölkerung darstellen, focht den Demokraten ebenso wenig an wie die Kritik von Menschenrechtsorganisationen und Völkerrechtlern. Sein Nachfolger Donald Trump will nun die Kriterien für den Einsatz lockern. Im März haben die USA die Frequenz ihrer Drohnenangrifffe im Jemen massiv erhöht.

Größere Aufmerksamkeit erfuhr allerdings nur der Einsatz eines Kommandos der Navy Seals, einer US-Eliteeinheit, am 29. Januar in dem jemenitischen Dorf Al-Ghayil. Ziel der Mission war offenbar, den Anführer von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel, Qassim al-Rimi, gefangen zu nehmen oder zu töten. Das Weiße Haus meldete kurz darauf einen "sorgfältig geplanten und ausgeführten Einsatz" und den "vollen Erfolg" der Mission, sprach allerdings nicht von Al-Rimi, sondern von angeblich wertvollem Aufklärungsmaterial, das erbeutet worden sei.

Die britisch-irische Reporterin Iona Craig recherchierte unter hohem persönlichen Risiko vor Ort und veröffentlichte auf der investigativen Website The Intercept die Chronologie eines Desasters.

Die angreifenden Navy Seals wurden von Bewohnern unter Feuer genommen, worauf US-Apache-Helikopter das gesamte Dorf beschossen und mindestens 20 Menschen töteten, darunter mehrere Frauen und Kinder. Vom gesuchten Al-Kaida-Führer war nichts zu sehen. Er meldete sich mehrere Tage später in einer Audiobotschaft, in der er die Amerikaner verhöhnte. Craig, eine exzellente Kennerin der Frontverläufe im Jemen, weist darauf hin, dass Al-Ghayil zum Gebiet von Stämmen gehört, die gegen die Huthi-Rebellen kämpfen, also auf der Seite der jemenitischen Regierung und ihrer Schutzmacht Saudi-Arabien stehen, dessen Luftwaffe im Jemen wiederum amerikanische Hilfe erhält. Die Navy Seals hatten in jener Januarnacht Verbündete angegriffen.

Hintergrund des Angriffs dürfte gewesen sein, dass Al-Kaida im Jemen die Folie eines sunnitisch-schiitischen Krieges nutzt, um sich Stammesmilizen im Kampf gegen Houthi-Rebellen als Verbündete anzudienen. Manchmal mit, manchmal ohne Erfolg. Al-Kaida-Mitglieder wurden immer wieder im Dorf gesichtet. Gegenüber Craig bestritten die Überlebenden, dass sich Angehörige der Terrororganisation in jener Nacht in Al-Ghayil aufgehalten haben.