Massenarbeitslosigkeit. Verpasste Digitalisierung. Veraltete Energiewirtschaft. Bei seiner Programmvorstellung in Paris spricht Emmanuel Macron über Frankreichs Reformstau als lese er eine Einkaufsliste vor. Wie auch sonst? Mit bekannten Diagnosen schockt man niemanden mehr, oder wie Macron sagt: "Frankreich ist nicht reformierbar."

Wer den Kandidaten aber kennt, weiß, da kommt noch was. Rhetorischer Hakenschlag: Lächeln ins Gesicht, Hände parallel nach vorn, Signal für ab durch die Mitte: "Also bauen wir Frankreich von Grund auf um!" Und dann die andere Liste: Investition. Zukunft. Europa.

"Das Spektakel mit dem französischen Pessimismus gefällt mir nicht", sagt Macron. Das Programm, mit dem er die Wahlen im April und Mai gewinnen will, ist also eines des Optimismus, der radikalen Veränderung. Wie in Frankreich üblich, hat es auch einen Titel. Nicolas Sarkozys war "Alles für Frankreich", Bruno Le Maires "Nicht aufgeben". Titel von Macrons Erzählung: "Revolution".

Mystik, Magie und Stil

Dass überhaupt noch ein Programm von Macron kommt, wollten viele gar nicht mehr glauben. Er war der Kandidat des Lebensgefühls, der vagen Ankündigungen. Im Februar sagte er : "Ein Programm ist nicht das Herz der Politik". Das Herz sei "Mystik", "Magie", "Stil". Das gefiel. Französische Wähler konnten ihre Wünsche in sein unklar umrissenes Programm projizieren, festgelegt war nur: irgendwas mit Europa, irgendwas mit Erneuerung. Hauptsache Fortschritt.

Oder eben: "Leer", wie die rechtsradikale Mitbewerberin Marine Le Pen es ihm vorwirft. Er sei der Justin Bieber französischer Politik.

Er legte sich nicht fest; das hat ihn durch die vergangenen Monate getragen. Eben weil er die Mystik, die Magie und den Stil so perfekt zu inszenieren wusste. Er holte sich liberale Sozialisten an Bord, gemäßigte Republikaner und zuletzt die bürgerlichen Zentristen. Vor allem aber folgen ihm junge, weltoffene, gut ausgebildete Franzosen, die in seiner Erzählung die einzige sehen, die ihnen eine Zukunft verspricht – während die Mitbewerber links ihre Pfründe sichern, rechts den Thatcherischen Kahlschlag fordern und ganz rechts eine ethnonationale Revolution geplant wird. Angefangen bei 12 Prozent im vergangenen Sommer steht Emmanuel Macron in der jüngsten Umfrage nur einen Punkt hinter Marine Le Pen im ersten, und deutlich vor ihr im zweiten Wahlgang.

Diese Erzählung mündet am Donnerstag auf der Bühne in Paris in seiner Programmvorstellung, natürlich live gestreamt auf Facebook und YouTube. "Das Projekt ist nun komplett", sagt er. Es habe lange gedauert, es zu vervollständigen. Die einzelnen Teile, Kapitel, Unterpunkte des Programms hat er schrittweise enthüllt, mit Teasern und Sendeterminen als wäre es eine Netflix-Serie. Episode "Gesundheit" erschien am 6. Januar, "Europa" am 10. Januar, "Bildung" am 14. Januar. Und heute: Das Staffelfinale von "Revolution": Conclusio.

Macron zählt sechs Bereiche auf, in denen er die Revolution will: Bildung, Arbeit, Wirtschaft, Sicherheit, Außenpolitik und der sogenannten Demokratischen Erneuerung. In jedem Unterpunkt weitere Unterpunkte, erstaunlich genaue Angaben zu Zahlen und Zeitplänen. Er bindet auf der Bühne die einzelnen Stränge seiner Erzählung zusammen, nummeriert, greifbar verpackt und shareable. Hashtag #EnMarche: #Vorwärts.

Frankreich - Macron, der Hoffnungsträger der Franzosen Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron ist für viele seiner Landsleute zum Hoffnungsträger geworden. Umfragen zufolge könnte der 39-jährige Pro-Europäer mit der rechtsextremen Marine Le Pen in die Stichwahl einziehen. © Foto: Jean-Philippe Ksiazek/Getty Images/AFP