An diesem Freitagabend wird der Niedergang der Konservativen in Frankreich besiegelt: Dann wird die Pariser Wahlkommission einen angeklagten, unbeliebten Republikaner zu ihrem Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen bestimmen. François Fillon hat eine für seine Partei kaum verlierbare Wahl zu einer schwer zu gewinnenden gemacht. Wenn Ende April 60 Millionen Französinnen und Franzosen wählen, wird Fillon aller Wahrscheinlichkeit nach hinter der rechtsextremen Marine Le Pen und dem liberalen Emmanuel Macron liegen. Zum ersten Mal seit der Gründung der fünften Republik wären damit Republikaner oder ihre Vorgängerparteien nicht in der zweiten Runde.

Das wäre, als käme die CDU bei den Bundestagswahlen nur noch auf den dritten Platz. Selbst Angela Merkel scheint nicht mehr an ihre konservative Schwesterpartei in Frankreich zu glauben: Am Donnerstag empfing sie deren ärgsten Konkurrenten Emmanuel Macron und versicherte, keine Empfehlung aussprechen zu wollen für die französischen Präsidentschaftswahlen. Wie sollte sie auch die Republikaner unterstützen, wo die Partei gerade dabei ist, ihre historische Bedeutung als dominierende Partei im Nachbarland zu verlieren?

Fillon hat sie mit seinem Starrsinn in die tiefste Krise ihrer Geschichte gestürzt. Er hatte so viele Möglichkeiten, zurückzutreten und so seiner Partei Chancen auf die Präsidentschaft offenhalten zu können. Vor acht Wochen etwa, als die Wochenzeitung Le Canard enchaîné offenlegte, dass er seine Frau und zwei seiner Kinder für mehr als 800.000 Euro als parlamentarische Assistenten angestellt hatte, ohne dass sich glaubhafte Zeugen für ihre Arbeit finden ließen. Er hätte auch zurücktreten können, als seine Frau Penelope vor der Kamera erzählte, nie Assistentin ihres Mannes gewesen zu sein. Oder als die Ermittlungen angekündigt wurden – Fillon hatte ja versprochen, seine Kandidatur aufzugeben, sollte ein Verfahren gegen ihn eingeleitet werden.

Er hätte sich auch noch in dieser Woche zurückziehen können, als bekannt wurde, dass ein anonymer Freund ihm drei Anzüge für 50.000 Euro geschenkt hatte und er dies entgegen den Richtlinien nicht im Parlament als Spende angegeben hatte.

Fillon hat diese Momente nicht genutzt. Parteifreunde berichten, Fillon fühle sich von Feinden umzingelt  und die vielen Vorwürfe hätten ihn geradezu ermuntert, weiterzumachen.

Es ist kaum mehr einsehbar, wann genau Fillion vom Hoffnungsträger zum Totengräber der Partei wurde. Er beerdigt die Partei. Schuld an ihrem Untergang sind aber auch andere. Der Präsidentschaftskandidat Fillon konnte nur so tief fallen, weil er sich als Saubermann stilisierte, als Law-and-Order-Typen, der wieder Respekt und Anstand ins Land bringen wollte. Das funktionierte, weil seine Vorgänger schon lange im Skandalsumpf stecken. Nicolas Sarkozy ist angeklagt wegen fiktiver Rechnungen für seinen Wahlkampf, wegen Veruntreuungen und Vetternwirtschaft. Alain Juppé musste schon vor Jahren einmal zurücktreten, weil auch er Personen fiktiv beschäftigte und so Steuergelder veruntreute.

Nachdem er sich so aufbaute, fiel Fillion besonders tief. Auch aus den eigenen Reihen verlassen ihn die Wahlkämpfer zu Dutzenden. Zuletzt lief ein Abgeordneter zum liberalen Emmanuel Macron über.

Die Ironie der Geschichte ist, dass die Republikaner ihren Kandidaten zum ersten Mal in einer Art Urwahl ihrer Anhänger haben bestimmen lassen und dass es diese Wahl von rund vier Millionen Französinnen und Franzosen nun unmöglich macht, ihn aus der Partei heraus abzusetzen. Es gibt kein Gremium, keine höher stehende Person, die Fillon zum Rücktritt zwingen kann und so müssen seine Parteifreunde fassungslos zusehen, wie ihnen eine als sicher geglaubte Wahl entgleitet.

Aber auch wenn sie es könnten: Es gibt keinen Alternativkandidaten. Keinen mit Gewicht und ohne Skandale. Es gäbe zwar Frauen. Aber die werden nicht wirklich als Alternative betrachtet. Denn unter dem Druck des rechtsextremen Front National und dem noch immer währenden Einfluss von Nicolas Sarkozy hat sich die Partei für einen rechts-nationalistischen Kurs entschieden – und moderatere Kandidaten wie Alain Juppé finden keine Mehrheiten mehr, ja, sie werden sogar bei manchen republikanischen Veranstaltungen ausgebuht.

Die Partei, die mal als Sammelbecken von Konservativen und Liberal-Konservativen entstand, kann sich heute nur noch auf einen katholisch-konservativen Reaktionären einigen, dessen Programm es ist, 500.000 Beamtenstellen zu streichen, bewaffnete Polizisten, härtere Strafen und weniger Migranten zu fordern.

Zu Fillon gibt es keine Alternative. Deshalb hat sich die Partei selbst ausgeliefert. Sie wird nach den Wahlen ihre Strömungen zwischen nationalistisch-konservativ und liberal versöhnen müssen – der Antreiber Fillon wird dabei sicherlich kaum noch eine Rolle spielen.