Eine Debatte, so ausschweifend wie der Wahlkampf: Rund vier Wochen, bevor die Franzosen ihren künftigen Präsidenten wählen, diskutierten die fünf aussichtsreichsten Kandidaten zum ersten Mal in einer Fernsehsendung. Die dreieinhalbstündige Diskussion pendelte von einem zum anderen, so ziellos, wie gerade auch die französische Wählerinnen und Wähler herumirren. Denn wen sollten sich die Kandidaten am meisten vorknöpfen? Wer ist überhaupt der Favorit, an dem sich die Konkurrenten wie üblich abarbeiten möchten?

Die Zielscheibe aller könnte die rechtsextreme Marine Le Pen sein, die lange Zeit als Siegerin im ersten Wahlgang galt, als Verliererin im zweiten und als ausländerfeindliche Europagegnerin. Oder eben doch der parteilose Liberale Emmanuel Macron, der zuletzt mit Le Pen gleichzog. Oder es ist François Fillon, der durch die vermutliche jahrelange Scheinbeschäftigung seiner Frau rasant an Sympathien verlor, aber immer noch über einen solide Fangemeinde verfügt. Vielleicht sind es aber auch die beiden Linken, Jean-Luc Mélenchon und der linke Sozialist Benoît Hamon, die sich mit ihrem Nichtangriffspakt gegenseitig stützen?

In dieser undurchsichtigen Lage wählten die Kandidaten den einfachsten Weg – und griffen mal den einen, mal den anderen an. Le Pen warf ihren Konkurrenten vor, nur im Interesse der Firmen und der Neoliberalen zu handeln. Der Brexit sei ein "fantastischer Erfolg" gewesen. Ihre ursprüngliche Idee, Europa per Regierungsbeschluss verlassen zu wollen, erwähnte sie aber nicht mehr – zuletzt haben sich die meisten Franzosen in Umfragen für einen Verbleib in der EU ausgesprochen. "Ich werde nichts gegen ihren Willen machen", versprach sie und meint damit, in einem Referendum über den Frexit, den französischen Ausstieg aus Europa, abstimmen lassen zu wollen. "Die Globalisierung ist ein Albtraum für Sie, sie hat Ihnen Jobs und Kaufkraft genommen", wandte sich die Chefin des Front National direkt an die Zuschauer. 

Frankreich-Wahl - Von "Frexit" bis Grundeinkommen Durch zahlreiche Skandale treten Inhalte im französischen Wahlkampf in den Hintergrund. Ein Überblick, wofür die fünf aussichtsreichsten Kandidaten eintreten. © Foto: Jeff J Mitchell/Getty Images

Le Pen verwandte aber noch immer die größte Energie darauf, Flüchtlinge als die Ursache für alle möglichen Probleme zu nehmen – für die Terrorattentate, für die Schulden des Landes, für die Armut. "Wir haben neun Millionen arme Franzosen, da kann ich nicht für Ausländer sorgen", sagte sie.

"Sie wollen das Land spalten", erwiderte Macron. "Die paar Tausend Flüchtlinge, die Frankreich pro Jahr aufnimmt, sind kein Problem." Aber der ehemalige Finanzsminister blieb vage – er will ein "humanes Land sein für Kriegsflüchtlinge", abgewiesene Flüchtlinge aber schnell ausweisen. Letztendlich tat Macron das, was ein Favorit tun muss: Er gab sich offen für alle Seiten, stimmte mit dem Linken Hamon darin überein, das Rentenalter nicht weiter zu erhöhen, und mit dem konservativen Fillon darin, mehr Polizisten patrouillieren zu lassen. Und natürlich ließ er es sich nicht nehmen, sich als einzig "Neuen" auf dem Plateau darzustellen, als Einziger, der nicht schon jahrzehntelang in der Politik arbeitet wie seine Konkurrenten. "Die bestehenden Lösungen sind nicht mehr passend. Wir sind eine neue Bewegung mit neuen Vertretern", sagte der 39-Jährige. Macron schien beim Publikum gut anzukommen: In zwei direkt nach dem Duell veröffentlichten Umfragen wurde er als der Überzeugendste gehandelt, gefolgt vom linken Mélenchon.

Aber ausgerechnet der Mann, der alle Debatten der vergangene Monate bestimmte, war an diesem Abend fast zu übersehen: François Fillon. Der Berufspolitiker gab den Wohlfühlkonservativen und spulte all das ab, was seine Fans an ihm mögen: seinen sehr gesetzten Auftritt und das Gefühl, dass in Frankreich alles ungefähr so weiter laufen sollte, mit ein paar mehr Polizisten, weniger Beamten und weniger Flüchtlingen, mit späterer Rente und Schuluniformen.

Kein gemeinsamer Nenner bei der Wirtschaft

Nur einmal wird auch Fillon laut: Dann, als Le Pen eine patriotische Wirtschaftspolitik fordert und 35 Prozent Steuern auf Produkte von französischen Firmen, die im Ausland produzieren und in Frankreich verkaufen. "Ihr System wird uns in den K.o. führen, in den raschen Abstieg." Fillon und Le Pen haben in ökonomischen Fragen keinen gemeinsamen Nenner – auch wenn der Republikaner ihr in manchen Forderungen nach schneller Abschiebung und harten Strafen nacheifert.

Für Fragen zur Umwelt und Klimaschutz interessieren sich in Frankreich hingegen nur die linken Kandidaten: Mélenchon und Hamon fordern beide, schrittweise aus der in Frankreich übermächtigen Atomenergie auszusteigen – und zuerst das Kernkraftwerk Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze zu schließen. Für den Konservativen Fillon hingegen sollen die Werke renoviert werden und unbegrenzt weiterlaufen – die Franzosen hätten ja schließlich einmal für ihren Bau bezahlt, jetzt sollen sie auch genutzt werden.

Alle Themen wurden gestreift, aber eine Person fehlte in der Fernseharena – ohne jemals erwähnt zu werden: der scheidende sozialistische Präsident François Hollande. Es ist die erste Debatte vor französischen Präsidentschaftswahlen ohne den Amtsinhaber. Hollande hatte schon im Dezember wegen miserabler Umfragewerte hingeschmissen und damit Platz gelassen für eine Meute motivierter Alphatiere, von denen in Wirklichkeit keiner neu angetreten ist. In einem weiteren Duell vor dem ersten Wahlgang am 23. April werden die Kandidaten nochmals miteinander ringen. Dann nehmen allerdings alle elf zugelassenen Kandidaten teil. Die Konfusion könnte dann noch ein wenig größer ausfallen.