Viele junge Ägypter zitieren in diesen Tagen Karl Marx. Sein Diktum, dass sich alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen zweimal ereignen, nämlich einmal als Tragödie, dann als Farce, wird gern auf Facebook und Twitter geteilt. Zu Recht: Treffender lässt sich der Zustand Ägyptens nicht beschreiben. 

Vor sechs Jahren waren die Ägypter der Freiheit noch nahe. In jenen denkwürdigen Momenten auf dem Kairoer Tahrir-Platz, als der Langzeitdespot Hosni Mubarak seinen Rücktritt verkündete, schienen Begriffe wie Demokratie und soziale Gerechtigkeit greifbar gewordene Realität. Doch die Euphorie spürt heute kaum noch jemand. Denn die Ägypter werden sukzessive in die überwunden geglaubte Vergangenheit getrieben. Mehr noch: Sie erleben die eigene beklemmende Geschichte als ein ins Absurde gesteigertes Schmierentheater.

Erst erlebten sie mit dem Freispruch von Hosni Mubarak die öffentliche Rehabilitierung eines Mannes, der Ägypten nicht nur jahrzehntelang gegen jeden Fortschritt abschottete, sondern auch mit aller Gewalt jeglichen Widerstand im Keim ersticken ließ. Nicht zuletzt war Mubarak 2011 für die Tötung von 900 Demonstranten mitverantwortlich.

Der Besuch von Abdel Fattah al-Sissi bei US-Präsident Donald Trump an diesem Montag besiegelt zudem eine schon länger anhaltende außenpolitische Legitimierung eines Staatschefs, der so rücksichtslos wie kaum jemand zuvor sein Land zerstört. Vor den USA haben die Staatschefs von Italien, Frankreich und Großbritannien Sissi getroffen, kürzlich ist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel an den Nil gereist. Damit kündigt sich eine Zeitenwende an, wusste man doch lange nicht, wie man mit Sissi umgehen sollte – einem einstigen Feldmarschall, der sich 2013 ins Amt geputscht hatte und seither rigoros gegen sämtliche Kritiker vorgeht. Man nahm die Berichte über die vielen Menschenrechtsverletzungen zur Kenntnis, vermied Reisen nach Kairo.

Nun aber scheint Sissis Kalkül aufzugehen: Die westlichen Staatschefs brauchen Ägypten für den Antiterrorkampf und bei der Flüchtlingsfrage. Dafür sehen sie, die sonst so sehr auf demokratische Prinzipien setzen, über Sissis repressives Regime hinweg. Und keiner tut das so großzügig wie Donald Trump.

Was von diesem Treffen zu erwarten sein wird, hatte das Weiße Haus vorab verkündet. Es werde um Sicherheitsfragen und Militärhilfen gehen. Trump unterstütze Sissis Vorgehen gegen den Terrorismus und seine Bemühungen, "Ägyptens Wirtschaft zu reformieren", sowie seine "Reform und Mäßigung des islamischen Diskurses". Man wolle auch über Menschenrechtsfragen sprechen, allerdings "diskret", hinter geschlossenen Türen. Sissi wiederum wird dafür werben, dass Trumps geplante Budgetstreichungen in der Entwicklungshilfe nicht Ägypten treffen. Eine Kürzung wäre für Sissi fatal, kämpft Ägypten doch mit einer schweren Wirtschaftskrise. Zudem braucht Sissi mehr denn je starke Partner, denn die Kritik an seiner Regierungsweise wird lauter: Die Ägypter protestieren immer öfter gegen Hunger, Armut und eine horrende Arbeitslosigkeit.

Das Treffen soll aber auch zeigen: Es gibt einen Neustart in der Beziehung beider Länder. Es ist kein Geheimnis, dass Sissis Beziehung zu Trumps Vorgänger Obama angespannt war. Obama hatte Sissi nicht nach Washington eingeladen und nach dessen brutalem Vorgehen gegen die Muslimbrüder die jährliche Militärhilfe für zwei Jahre gestoppt. Trump wird das sicher nicht tun.

Die Ähnlichkeiten von Trump und Sissi sind so augenscheinlich wie beunruhigend: Sie sind Narzissten mit einer Begeisterung für "starke Männer". Sie sind politisch unerfahren und gründen ihre Machtausübung vor allem auf gesellschaftlicher Spaltung. Beide hegen ein tiefes Misstrauen den Medien gegenüber und setzen auf ideologische Verzerrungen statt auf Fakten. Sie kreieren eine hysterische Angst vor dem Fremden, um von ihrer eigenen Schwäche abzulenken.

Sissis skrupelloses Vorgehen dürfte Trump beeindrucken

Überspitzt könnte man sagen: Sissi ist das, was Trump gern sein möchte. Seit er den Muslimbruder Mohammed Mursi 2013 aus dem Amt gejagt hat, regiert Sissi sein Land diktatorisch. Er lässt kritische Journalisten ins Gefängnis werfen, Proteste blutig niederschlagen, zivilgesellschaftliche Organisationen schließen, Oppositionelle verfolgen. Zugleich inszeniert er sich in Nasser'scher Manier, baut sich mit Megaprojekten wie der Erweiterung des Sueskanals eigene Denkmäler, nutzt den vom Internationalen Währungsfonds gewährten Kredit vor allem, um die Wirtschaftselite um ihn herum zu befrieden, sein Volk hingegen lässt er hungern.

Es ist dieses skrupellose Vorgehen, das Trump beeindrucken dürfte. Beide hegen jedenfalls tiefe Sympathien füreinander. Sissi sei "ein fantastischer Typ", sagte Trump bei einem Treffen im September am Rande der UN-Generalversammlung in New York. Sissis Machtübernahme kommentierte er mit den Worten: "Er hat die Kontrolle über Ägypten übernommen. Und er hat wirklich die Kontrolle übernommen." Auch Sissi lobt Trump, sagt in Interviews Sätze wie: "Trump wird ein starker Führer sein." Sissi gratulierte als erster Staatspräsident Trump zu seinem Wahlsieg. In dem Telefonat am 23. Januar haben beide schon darüber diskutiert, wie sie ihren "Kampf gegen den Terror" verstärken können.

So wenig überraschend das Hofieren des ägyptischen Despoten für Trump auch ist: Es ist ein großer Fehler. Trump sollte von Sissi in negativer Hinsicht lernen, sind doch viele Probleme des heutigen Ägyptens hausgemacht: Im Sinai schaffen sich IS-Ableger immer mehr Raum für ihren Terror. Auch andere radikale Gruppen erhalten Zulauf, Anschläge gehören zum Alltag in Ägypten. Das geht auch auf Sissis Konto, hat sein Prinzip der gesellschaftlichen Teilung doch dazu geführt, dass sich noch immer Anhänger und Gegner des Militärs unversöhnlich gegenüber stehen. Zudem hat das radikale Vorgehen gegen die Muslimbrüder, die sich seit Jahren und für Experten glaubhaft zur Gewaltlosigkeit bekennen, zu mehr Radikalisierung geführt, und nicht zu weniger.