Können Sie sich das vorstellen? Die gesamten Einwohner Deutschlands zusammengepresst auf einer Landfläche von der Größe Niedersachsens. Ein durchschnittliches Monatseinkommen von 300 Euro. Die Lebensmittel werden immer teurer, denn ihre Preise unterliegen einer Inflationsrate von 50 Prozent. Nur etwa jeder zweite Bürger kann lesen und schreiben. Energie, Wasser, Ärzte und Lehrer sind jetzt schon knapp, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent. Zu allem Übel wächst die Bevölkerung jedes Jahr um weitere 2,5 Millionen Menschen. Und immer wieder gibt es verheerende islamistische Anschläge. Würden Sie nicht versuchen, möglichst schnell aus diesem Horrorland zu entkommen?

Wenn Sie sich das vorstellen können, dann haben Sie eine Ahnung davon, wie es ist, in Ägypten zu leben. Wer dieser Tage durch den bevölkerungsreichsten Staat der arabischen Welt fährt und mit Politikern, Sozialarbeitern und Diplomaten redet, den bewegt recht schnell nur noch eine Frage: Wie lange kann dieses Land noch stabil bleiben?

Genau dies sei die Frage, die sich ausländische Diplomaten hier jeden Tag stellen, bestätigt eine von ihnen hinter vorgehaltener Hand. Wirtschaftlich geht es vielen Ägyptern jetzt schon miserabel, dennoch will Präsident Abdel Fattah al-Sissi drastische Reformen durchsetzen, die Bedingung für einen Elf-Milliarden-Euro-Hilfskredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind. Zu ihnen gehört es, die Subventionen auf Strom und Öl zu streichen, ohne die sich viele der 92 Millionen Ägypter schon längst etwa das Autofahren kaum mehr leisten können. Die Reformen treffen eine Wirtschaft, die neben ihren strukturellen Mängeln ohnehin in einer akuten Krise steckt: Die Einnahmen aus dem Tourismus, einer der Haupteinnahmequellen des Landes, sind nach EU-Angaben in den vergangenen Jahren um 90 Prozent eingebrochen.

Ein Fünftel der Schulen "ungeeignet zur Nutzung"

Für die Delegation der EU, die in einem Kairoer Hochhaus mit Blick über den Nil residiert, sei Migration nach Europa das eine Thema, das all ihre Bemühungen überwölbe, dem Land zu helfen, heißt es dort. "Wir versuchen, uns der Grundursachen der Migration anzunehmen, damit die Menschen nicht mehr in die Boote müssen", sagt der Chef der Delegation, der Slowake Ivan Surkos. Bisher ist Ägypten vor allem Transitland. Im vergangenen Jahr seien 16.000 Menschen, die über die Mittelmeerroute nach Europa gelangten, über oder aus Ägypten gekommen. Surkos schätzt, dass sich etwa fünf Millionen Flüchtlinge in Ägypten aufhalten, vor allem aus dem Sudan, Libyen und aus Somalia.

Aber auch viele Ägypter selbst denken an Auswanderung. Die EU hat 1,3 Milliarden Euro bereitgestellt, um den Bau von Windkraftwerken zu unterstützen, Wasserwerke und Kläranlagen zu bauen, Mikrokredite für Landwirte zu vergeben, Kindergärten und Unis zu unterstützen, medizinische Hilfe auf dem Land anzubieten … Die Liste von hilfreichen Projekten ist lang. Doch all das ist vor allem Symptom- und eben keine Ursachenbekämpfung.

Warum etwa schicken so viele Ägypter ihre Kinder, gerade Mädchen, nicht zur Schule? Ein Grund ist, dass Mädchen lange Schulwege nicht allein zurücklegen sollen. Ein anderer, dass Kinder oft als kurzfristige Lohnbeschaffungskräfte für die Familie betrachtet werden statt als Investition in die Zukunft des Landes. Kinder verkaufen Sandwiches auf der Straße. Kinder arbeiten auf den Feldern. Kinder putzen die Zimmer in Fünfsternehotels oder arbeiten dort als Kellner. Ein Fünftel der Schulen, berichtet der zuständige EU-Diplomat für Soziale Entwicklung, sei "ungeeignet zur Nutzung". Lehrer blieben oft einfach weg. Körperliche Bestrafung sei weitverbreitet. Und es gebe "keine Anreize zum kritischen Denken".

Um die wachsende Bevölkerung zu beschulen, müsste Ägypten jedes Jahr 90.000 Lehrer einstellen. Es ist eine völlig illusorische Zahl, von der Qualität der Ausbildung ganz zu schweigen. An einer Universität in der Stadt Fajum, südlich von Kairo, wird dem Reporter eine Gruppe von Modestudenten vorgestellt. Die jungen Frauen und Männer nesteln an Kleidungsstücken herum und diskutieren über Nähte und Applikationen. Sie lernten hier "Qualitätsmanagement", sagt die Dozentin. Mit den Studenten selbst reden kann man nicht, sie sprechen kein Wort Englisch. In einem Nebenraum findet ein Kurs für angehende Kindergärtnerinnen statt. Wie viele Kinder die angehenden Erzieherinnen selbst haben wollten, fragt man. "Drei bis vier", sagt eine Nikab-Trägerin lachend der Übersetzerin. Warum so viele? "Ich liebe Kinder!"