"Unser Herz blutet", sagt am Montag der koptisch-orthodoxe Bischof in Deutschland, Anba Damian. Am Tag zuvor sind 44 Menschen bei zwei Anschlägen in Kirchen in Ägypten ums Leben gekommen. Eine der Bomben, die nahe der St. Markus Kathedrale in Alexandria explodierte, galt offenbar dem Papst der koptischen Kirche, Tawadros II., der allerdings unverletzt blieb. Zu den Anschlägen bekannte sich die Terrororganisation Islamischer Staat.

Dass Christen in Ägypten Opfer gewalttätiger Übergriffe werden, ist keine Seltenheit. Erst im Februar mussten Hunderte Christen aus ihren Häusern auf der Sinai-Halbinsel fliehen, weil sie Angst vor Übergriffen von IS-Kämpfern hatten. Zuvor waren in der Region sieben Christen innerhalb von vier Wochen getötet worden. Im Dezember vergangenen Jahres starben 30 Menschen bei einem Anschlag auf die Markus-Kathedrale in Kairo.

Im Mai 2016 wurden die Häuser von Christen im Nildelta geplündert und angezündet. Zwischen 2013 und Juli 2016 gab es laut Kirchenoberhaupt Tawadros 37 religiös motivierte Attacken gegen Kopten in Ägypten. Ulrich Delius, Direktor der Gesellschaft für bedrohte Völker, ist allerdings überzeugt, dass diese Zahlen nur einen Teil der Realität wiedergeben. Gerade in den kleinen Dörfern in Mittel- und Oberägypten gebe es viele kleine Übergriffe, die niemand zähle. Die koptische Kirche gebe eher niedrige Zahlen an, weil sie es sich mit den staatlichen Stellen nicht verscherzen wolle.

Mit dem Anschlag vom Sonntag setzten die IS-Kämpfer um, was sie bereits im Februar auf einem Video angekündigt hatten: Es werde weitere Anschläge geben, hieß es darin. Christen seien ihre "bevorzugte Beute". Im Internet zirkulieren Todeslisten von Christen. "Haut ab oder ihr werdet sterben", heißt es in Drohpamphleten von Islamisten.

Dabei gehören die christlichen Kopten eigentlich mindestens so sehr zu Ägypten wie die Muslime. Die koptische Kirche geht auf den Evangelisten Markus zurück, der im 1. Jahrhundert nach Christus Bischof von Alexandrien gewesen sein soll. In ihrer Kultur leben Elemente des pharaonischen Ägyptens fort. Der Name "Kopte" bedeutet eigentlich nichts anderes als "Ägypter".

Eine sehr gute Situation für Christen?

Heute sind etwa zehn Prozent der 92 Millionen Ägypter Kopten. Der seit 2014 regierende Präsident Abdel Fattah al-Sissi präsentiert sich gerne als Freund der Kopten. Auch weil ihm das die Unterstützung westlicher Politiker wie US-Präsident Donald Trump oder Bundeskanzlerin Angela Merkel einbringt. Merkel behauptete vor ihrer letzten Ägyptenreise, die Christen hätten dort eine sehr gute Situation für die Ausübung ihrer Religion. Gerade für ein muslimisch geprägtes Land sei das beispielhaft.

Delius, von der Gesellschaft für bedrohte Völker, ist da anderer Ansicht. Die Lage für Christen habe sich nicht verbessert, betont er. Zwar habe die ägyptische Regierung unter Al-Sissi ein Gesetz verabschiedet, das die Renovierung und den Bau von Kirchen erlaube. Allerdings müssten die Bauarbeiten immer von den jeweiligen lokalen Stellen genehmigt werden. Die Christen blieben also abhängig von der Willkür ihrer muslimischen Umgebung.

Seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hätten alle ägyptischen Staatsführer die arabische Identität Ägyptens betont, sagt Delius. Dies habe zu einer umfassenden gesellschaftlichen Diskriminierung von Christen geführt. So hätten Kopten so gut wie keine Chance, in der Verwaltung, der Politik oder der Armee Karriere zu machen, obwohl viele von ihnen gut ausgebildet seien. Kopten seien deswegen eher in der Privatwirtschaft und im Handel erfolgreich, was wiederum dazu führe, dass sie mit ähnlichen Vorurteilen konfrontiert würden wie die Juden in früheren Zeiten in Europa.

Islamisten rächen sich für Repression unter Al-Sissi

Auch unter dem früheren Diktator Hosni Mubarak seien Kopten Bürger dritter oder vierter Klasse gewesen, betont Delius. Dennoch waren sie damals sicherer, weil es in dem Polizeistaat generell weniger rechtsfreie Räume und auch weniger islamistische Anschläge gegeben habe.

Den Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi hätten die Christen zwar zunächst mit Erleichterung wahrgenommen, doch dazu habe wenig Anlass bestanden, sagt Delius. Nicht nur, weil die weitere Einschränkung bürgerlicher Rechte unter Al-Sissi natürlich auch koptische Nichtregierungsorganisationen und Parteien trifft. Christen würden vielmehr zu Sündenböcken für die repressiven Maßnahmen, die Al-Sissi gegen die Islamisten ergreift.

Auch deswegen würden sie von Islamisten verstärkt angegriffen, zumal koptische Kirchen oder gar einzelne Gläubige einfache, für den Staat schwer zu schützenden Ziele sind. Der nun verhängte Ausnahmezustand könnte den Unmut gegen Christen weiter schüren, befürchtet Delius. Auch die Egyption Initiative for Personal Rights kommt zu dem Schluss, dass es in Al-Sissis Amtszeit die meisten Angriffe auf Kirchen seit der Revolution gegeben habe.

Versöhnungsgespräch statt Prozess

Al-Sissi müsse den Christen konsequent juristischen Schutz zusichern, verlangt die Gesellschaft für bedrohte Völker. Denn bislang blieben Übergriffe meist ungesühnt. Lokale Behörden würden Kopten vielmehr drängen, Anzeigen zurückzuziehen. Stattdessen würden dann sogenannte Versöhnungsgespräche geführt, bei denen die Kopten schließlich um des lieben Friedens willen nachgeben müssten.

Die ägyptische Menschenrechtsaktivistin Mina Thabet betont zwar, dass die meisten ägyptischen Muslime friedlich mit ihren christlichen Nachbarn zusammenlebten. Von einem Religionskrieg oder systematischen Vertreibungen wie im Irak oder in Syrien könne keine Rede sein. Doch es gibt durchaus Unterschiede. "In Großstädten funktioniert die Koexistenz ganz gut", sagt Delius. Doch vor allem in kleineren Orten gebe es viele Anfeindungen.

Kaum Chancen auf Asyl

Diese regionalen Unterschiede sind ein Grund dafür, dass koptische Christen, obwohl sehr viele von ihnen seit der Revolution 2011 das Land verlassen haben, in Deutschland keine guten Chancen auf Asyl haben. Koptische Asylbewerber würden von deutschen Behörden darauf hingewiesen, dass die Situation etwa in Kairo besser sei als auf dem Land, sagt Delius. Es gebe also innerstaatliche Fluchtalternativen. Auch bei Pro Asyl heißt es: Da die deutsche Regierung in Flüchtlingsfrage mit der ägyptischen Regierung verstärkt kooperieren wolle, stünden die Chancen für koptische Asylbewerber eher schlecht.

So werden sich die Kopten wohl vorläufig mit den Beileidsbekundungen aus aller Welt zufrieden geben müssen. Die Chancen, dass ihre Situation sich in naher Zukunft verbessert, stehen dagegen schlecht.