Der Taliban-Angriff vom Freitag ist einer der schwersten Angriffe der islamistischen Taliban auf eine Militäranlage, die es je gab: Mindestens 140 Soldaten sollen am Freitag bei der Attacke auf Camp Schahin in der afghanischen Provinz Balch getötet worden sein, mehr als 160 gelten als verletzt. Das sagte der Vorsitzende des örtlichen Provinzrates, Mohammed Ibrahim Chair Andesch. Das afghanische Verteidigungsministerium teilte in Kabul mit, es seien mehr als hundert afghanische Soldaten getötet oder verwundet worden.

Das US-Militär hatte zuvor nach dem Angriff auf Camp Schahin nahe der Stadt Masar-i-Scharif im Norden des Landes von mehr als 50 getöteten Soldaten berichtet. Die Attacke habe mehrere Stunden gedauert, erklärte ein Sprecher der US-Armee. Erst am frühen Abend sei die Lage wieder unter Kontrolle gewesen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der afghanischen Regierung am Samstag ihr Mitgefühl bekundet. "Mit großem Entsetzen habe ich die Nachricht über den hinterlistigen, brutalen Angriff der Taliban auf eine Kaserne Ihrer Streitkräfte im Norden Afghanistans aufgenommen", schrieb die CDU-Politikerin in einem am Samstag veröffentlichten Kondolenztelegramm an den afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani. "Mein Mitgefühl gilt den vielen Verletzten und den Angehörigen der zahlreichen Opfer." Deutschland stehe in diesen schweren Stunden an der Seite Afghanistans.

Laut dem afghanischen Verteidigungsministerium in Kabul hatten die Angreifer Armeeuniformen getragen. Sieben von ihnen seien getötet worden, zwei weitere hätten sich in die Luft gesprengt. Ein Täter sei festgenommen worden. Die verkleideten und mit Gewehren bewaffneten Angreifer fuhren demnach mit drei Militärfahrzeugen vor. Am Eingangstor verschafften sie sich mit einer Rakete Zugang. Ihr erstes Ziel sei eine Moschee auf dem Gelände des weitläufigen Stützpunktes gewesen, in der sich gerade Militärangehörige zum Freitagsgebet versammelt hatten, hieß es. Es folgten stundenlange Gefechte.

Die radikalislamischen Taliban haben sich zu dem Angriff bekannt. Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid teilte mit, die Angreifer hätten eine Explosion ausgelöst, durch die sich Selbstmordattentäter mit Gewehren Zugang zu dem Stützpunkt verschafft hätten. "Unsere Kämpfer haben der afghanischen Armee schwere Verluste zugefügt", sagte er.

Taliban kontrollieren große Teile des Landes

Balch zählt zu den eher sicheren Provinzen Afghanistans. Dort befindet sich die Kommandozentrale für den gesamten Norden des Landes. Seitdem die Nato den Kampf gegen die Taliban der einheimischen Armee überlassen hat, sind die internationalen Truppen nur noch zur Beratung und Ausbildung da. Von einst mehr als 5.000 deutschen Soldaten sind nur noch rund 950 übrig, die meisten davon in Masar-i-Scharif. Im attackierten Camp Schahin sind im Rahmen des Nato-Einsatzes Resolute Support noch rund 70 ausländische Militärberater tätig, darunter auch deutsche Soldaten.

Seit sich die Nato aus Afghanistan zurückgezogen hat, werden große Teile des Landes wieder von den Taliban kontrolliert. Allein 2016 wurden laut einem Bericht des Spezialinspekteurs des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR) zwischen dem 1. Januar und dem 30. November 6.785 afghanische Soldaten und Polizisten getötet und weitere 11.777 verletzt. Im Vergleichszeitraum zu 2015 ist das eine Zunahme um 35 Prozent. Nach Angaben der UN wurden 2016 zudem 11.500 Zivilisten getötet. Die Regierung kontrolliert nach dem SIGAR-Bericht derzeit nur noch knapp 60 Prozent des Landes.