Frankreich hält weiter am größten Atompark Europas fest: Der Verwaltungsrat des Pariser Stromkonzerns EDF stimmte am Donnerstagnachmittag zwar grundsätzlich zu, den Meiler im elsässischen Fessenheim vom Netz zu nehmen. Aber erst, wenn der Druckwasserreaktor EPR im nordwestfranzösischen Flamanville in Betrieb geht, also frühestens Ende 2018.

Eines der größten Wahlversprechen von Präsident François Hollande wird also kurz vor Ende seiner Amtszeit doch nicht umgesetzt. Die Regierung hatte zuvor vergeblich an die sechs unabhängigen Mitglieder des EDF-Rates appelliert, für einen raschen Ausstieg zu stimmen.

Dabei hatte Hollande dem Betreiber EDF – noch immer zu 80 Prozent in staatlicher Hand – viele Zugeständnisse gemacht: Der Sozialist hatte eine Entschädigung von rund einer halben Milliarde Euro für die Schließung des AKW Fessenheim angeboten. Außerdem verlängerte er die Laufzeit zwei weiterer Meiler. Ein typischer Kompromiss für das Atomland Frankreich: In keinem anderen Staat der Welt laufen so viele Kernkraftwerke pro Einwohner: 58 Reaktoren sind an den großen Flüssen über das Nachbarland verteilt, Fessenheim ist der älteste – es läuft seit vier Jahrzehnten.

Laut World Nuclear Report produziert Frankreich die Hälfte des europäischen Atomstroms – und Dreiviertel seiner eigenen Energie. Atommülltransporte fahren ungestört durch das Land, Demonstrationen von Kritikern ziehen meist nur ein paar Dutzend Menschen an, und die Grüne Partei, in Deutschland Antreiberin des Ausstiegs, ist in Frankreich unbedeutend. Daran hat selbst die Nuklearkatastrophe von Fukushima wenig geändert. Während sie in Deutschland die konservative Regierungschefin Angela Merkel dazu zwang, aus der Atomkraft auszusteigen, sind französische Politiker mehrheitlich Befürworter dieser Energie.

Atomstrom ist in Frankreich ein "Dogma"

Auch bei der Präsidentschaftswahl in gut zwei Wochen überwiegen Atomfans: Merkels Parteikollege François Fillon beispielsweise zeigte sich schon einmal mit einem T-Shirt, auf dem "Nein zur Fessenheim-Schließung" stand, und sieht die Anlage als "Investition des französischen Volkes". Er will den Anteil der atomaren Energie bei 75 Prozent belassen. Der als Favorit geltende liberale Emmanuel Macron will zwar Fessenheim so schnell wie möglich schließen und erneuerbare Energien stärken – aber er schweigt sich darüber aus, wie viele Meiler er insgesamt abschalten will. Der rechtsextreme Front National will die Atomkraft erhalten, alle linken Kandidaten befürworten einen Ausstieg, allerdings über viele Jahrzehnte.

Zwar hat Frankreich beschlossen, bis 2020 seinen Anteil an erneuerbaren Energien auf 23 Prozent zu heben, doch laut Eurostat ist der Staat weiter von seinem eigenen Ziel entfernt als alle anderen Europäer, abgesehen von den Niederlanden: Nur 15 Prozent der Energie in Frankreich stammen aus Wind, Wasser und Sonne – obwohl die Voraussetzungen in Frankreich eigentlich günstig sind. In der Mittelmeerregion scheint die Sonne doppelt so viele Stunden im Jahr wie in einer durchschnittlichen deutschen Stadt, dennoch finden sich hier kaum Solardächer. Und der atlantische Küstenstreifen im Westen wird nur wenig für die Windkraft genutzt.

Dabei weisen französische Atomkraftwerke viele Mängel auf, und ihre Renovierung wird vom französischen Rechnungshof auf rund hundert Milliarden Euro geschätzt. "Der französische Atompark ist in einem erbärmlichen Zustand", sagt die grüne Europaabgeordnete Michèle Rivasi, eine der stärksten Kritikerinnen in Frankreich. Sie hat selbst das unabhängige Forschungsinstitut CRIIAD gegründet, um der medialen Übermacht der Atomkonzerne etwas entgegen zu setzen. Für sie ist der Atomstrom in Frankreich ein "Dogma", das sich nur sehr langsam ändern lasse. Viele Abgeordnete hätten die technischen Elitehochschulen, die Écoles Nationales Superieurs besucht, an denen der Glaube an die Atomkraft ungebrochen sei, beklagt Rivasi.

An dem kleinen Ort Fessenheim lässt sich gut ablesen, warum Frankreich seit Jahrzehnten am Atom hängt. Die meisten Fessenheimer kämpfen für den Meiler vor ihrer Haustür, der ihnen laut eigenen Angaben insgesamt 2.200 Jobs verschafft. Ihr Bürgermeister Claude Brender ließ vor wenigen Monaten abends die Lichter ausgehen und paradierte mit Fackeln durch das dunkle Fessenheim, um gegen die Schließung und das "Ende der heimischen Energie" zu protestieren. Mit mehreren Millionen Euro Steuern pro Jahr liefert der Energiekonzern EDF die Hälfte des jährlichen Haushalts der Stadt. Dort, wo früher nur Weizen- und Maisfelder wuchsen, ist Fessenheim heute das vielleicht vermögendste Dorf im Elsass. Und wird nun noch rund zwei Jahre auf den laufenden Meiler schauen.