Als Frankreich am Freitagmorgen aufwacht, sind alle Spuren des Dramas beseitigt. Auf den Champs-Élysées, der Straße, die nicht nur die Franzosen die berühmteste der Welt nennen, herrscht Normalbetrieb. Nur ein paar Journalisten suchen nach der Hausnummer 102, vor der am Donnerstagabend um 20 Uhr 50, inmitten des üblichen Touristenrummels ein Mord ausgeübt wird. Kein beliebiger Mord. Ein mutmaßliches Terrorattentat. Je genauer man auf das Ereignis schaut, desto banaler erscheint es. Nicht einmal das Bekenntnisschreiben des "Islamischen Staats" taugt etwas. Doch das ändert nichts an der potenziellen Bedeutung der Tat, an den unwägbaren Folgen.

"Keiner kennt sie", sagt früh am Freitagmorgen der aussichtsreichste französische Präsidentschaftskandidat, Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron. Seine Botschaft kann nicht beruhigen: Denn Frankreich und sein europäisches Schicksal, das bei den in nur 50 Stunden beginnenden Präsidentschaftswahlen auf dem Spiel steht, werden von Gewalt und Terror erneut auf die Probe gestellt.

Doch zunächst das fast schon banale Ereignis in Zeiten des islamistischen Fanatismus: Ein zuvor straffällig gewordener französischer 39-jähriger Muslim, Karim C., besorgt sich eine Kalaschnikow. Er fährt mit seinem alten Privatwagen vor ein Polizeiauto auf die Champs-Élysees, steigt aus und schießt. Er trifft einen Polizisten tödlich und verletzt zwei weitere, bevor die Polizisten ihn erschießen. Das Ganze dauert keine Minute. "Beeilt euch, es gab ein Attentat", rufen die Polizisten am Donnerstagabend in die Cafés entlang der Pariser Flaniermeile. Die Touristen fliehen. Bilder vom Triumphbogen, der vom Blaulicht der Polizei eingekreist erscheint, gehen um die Welt. Da ist aus der Tat bereits ein Weltereignis geworden.

Anschlag in Paris - Marine Le Pen fordert starke Präsidentschaft Die Präsidentschaftskandidatin des Front National fordert Handeln und Schutz nach dem Anschlag auf den Champs-Élysées. Der sozialliberale Kandidat Macron tritt für Besonnenheit ein. © Foto: AFP-TV

Karim C., Spitzname "der Irre", griff im Jahr 2001 während einer Inhaftierung einen Gefängniswärter an, nahm ihm seine Waffe ab und tötete ihn fast. Dafür bekam er später eine 15-jährige Freiheitsstrafe. Seit er vor einigen Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, lebte er bei seiner Mutter in dem Pariser Vorort Chelles. Er fiel der Polizei auch nach seiner Entlassung wiederholt als gewalttätig auf. Doch sein Name befand sich nicht im berühmten "fiche S", der geheimdienstlichen Liste von etwa 15.000 Franzosen, die mit dem radikalen Islamismus in Verbindung gebracht werden.

"Alle Leute vom 'fiche S' ins Gefängnis zu stecken, bringt überhaupt nichts", sagt Macron nach der Tat. Zu diesem Zeitpunkt aber beschäftigt die Angst vor den politischen Folgen des Attentats bereits ganz Frankreich. "Werden die Franzosen jetzt Angst haben, am Sonntag wählen zu gehen?" fragt der beliebteste französische Radiosender RTL im besten Boulevard-Stil.

Was also hat Karim C. politisch erreicht? Zunächst einmal gab er der rechtsextremen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen und ihrem rechtskonservativen Konkurrenten François Fillon noch am Abend seiner Tat eine Glanzvorlage. Beide traten gemeinsam mit allen Präsidentschaftskandidaten bei einem letzten Fernsehduell vor der Wahl auf. Le Pen und Fillon nutzten den Augenblick, indem sie ihre letzten Wahlkampfveranstaltungen absagten und mehr Schutz und Ordnung forderten.

Hilft der Terroreffekt Marine Le Pen?

Ihre linken Gegenüber Macron und Jean-Luc Mélenchon, Kandidat der Linksfront, versuchten, dem mit Appellen gegen die Panikmache zu begegnen. Den Wahlkampf zu stoppen würde den Terroristen Recht geben, sagten sie. Es bestand jedenfalls kein Zweifel mehr: Das Terrorthema beherrscht nun die letzten Tage und Stunden vor einer Wahl, bei der sich bisher noch ein Drittel der Wahlberechtigten laut den Umfragen für keinen Kandidaten entschieden haben. Viele, so vermuten die Umfrageinstitute, würden sich erst in der Wahlkabine am Sonntag entscheiden. Kann da nicht der Terroreffekt der Champs-Élysées umso größer sein? Kann er womöglich gar der zuletzt im langsamen Sinkflug befindlichen Kandidatin Le Pen neues Leben einhauchen?

Die Vergangenheit spricht dagegen. Schon vor fünf Jahren, während des letzten französischen Präsidentschaftswahlkampfs, glaubten viele Beobachter, dass ein tödliches Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse das Blatt zu Gunsten des amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy wenden würde. Genau das trat nicht ein.

Doch ist heute nicht alles anders? Ist die Angst nach den Attentaten gegen Charlie Hebdo, im Bataclan von Paris und auf der Strandpromenade von Nizza nicht ungleich größer? "Wir befinden uns im Krieg", sagen viele zu den Blaulicht-Bildern aus Paris. Andere hoffen, dass sich bis Sonntag die Angst der französischen Wähler wieder in einen neuen Elan verwandeln könnte. "In jedem Fall wird es ein Reifheitstest für die Demokratie", meint auf RTL die Kommentatorin Alba Ventura. Ein Test, auf dessen Ergebnis am späten Sonntag viele Europäer mit Sorge blicken werden.