Denis Pesce weiß nicht, was er antworten soll, als ein Genosse ihm zum ersten Mal sagt, er wähle den Front National. Es scheint ihm "undenkbar". Nicht, dass er seine Stimme überhaupt dem FN gibt – sondern, dass er so offen darüber redet. Ein Arbeiter, Mitglied seiner Gewerkschaft, der einst kommunistischen CGT: ein bekennender Rechtsextremist?

Pesce, der Leiter des CGT-Départements Moselle, hört sich in den Nachbarverbänden um. Die Genossen dort berichten Ähnliches; sie wissen nicht weiter. Die Zentrale ist ebenso ratlos. Pesce handelt. Er trommelt die Ortsverbände zusammen. 2011 geben sie erste Broschüren gegen den FN heraus. 2014 gründen sieben der acht großen französischen Gewerkschaften, unter ihnen die CGT, eine Anti-Rechtsextremismus-Plattform, eine Art gemeinsames Abwehrzentrum gegen den Front National.

Im selben Jahr noch wird der FN zur am häufigsten gewählten Partei unter Arbeitern, dem gewerkschaftlichen Kernklientel.

Denis Pesces Kampf gegen Rechts ist ein Kampf gegen Ideale, die die Gewerkschaften ablehnen. Es ist aber auch der Kampf um Einfluss, um Deutungshoheit, und um den Ruf der Arbeiterklasse.

Pesce, ein 55-jähriger, dünner Mann, sieht ein bisschen aus wie Michel Foucault, ohne Rollkragen, dafür mit rauerer Haut. Mit 18 Jahren lernte er Kraftfahrer. Bis heute arbeitet er als Busfahrer. Mit 30 trat er in die CGT ein. Wegen seines Engagements in der Gewerkschaft wurde er über die Jahre 17-mal entlassen, aber genauso oft hat er sich zurückgeklagt. Pesce weiß, wie man Kämpfe bis zum Ende durchsteht.

Industrieruinen am Weg

Um die Ortsverbände seines Départements zu besuchen, fährt er im Jahr 40.000 Kilometer durch Nordostfrankreich. Auf Wahlkarten ist die Gegend ein Meer aus Dunkelblau, der Farbe des FN. Pesce fährt vorbei an den Überbleibseln des einst industriellen Fankreichs, an verrußten, stillgelegten Hochöfen und Kratern, einst Tagebaue, heute halb vollgelaufen mit Regenwasser.

Hier wurde Frankreichs Stahl produziert, unter anderem für den Eiffelturm. Hunderttausende arbeiteten in den Fabriken, Franzosen, Italiener, Spanier, Portugiesen, Algerier, Marokkaner. Nahezu alle waren Gewerkschafter. Die Arbeit verband. Ein Bergmann sagte Pesce einmal: "Wenn wir aus der Mine kommen, sind wir alle schwarz."

Denis Pesce, CGT-Leiter für das Département Moselle © Fabian Federl für ZEIT ONLINE

Auf einem staubigen Platz vor einem chinesischen All-you-can-eat-Restaurant warten drei Männer auf Pesce, Genossen der lokalen CGT. Hier, in der Kleinstadt Nilvange, gaben 31,4 Prozent der Wähler ihre Stimme dem Front National. Unter den Arbeitern waren es wohl noch mehr, schätzt Pesce.

Frankreichweit wählten 37 Prozent der Arbeiter FN – unter Gewerkschaftern waren es nur 13 Prozent, verglichen mit 31 Prozent bei den Regionalwahlen 2015. Die Anti-FN-Strategie wirkt.

In Denis Pesces Kofferraum stapeln sich die Broschüren. "Alter Wein in neuen Schläuchen" heißen sie, "Die Lügen von der Kaufkraft" oder "Politik für die Reichen". Jede Woche konfrontiert er Gewerkschafter, die sich für den FN aussprechen. Gewerkschafter, die auf FN-Listen kandidieren, legt er den Austritt nahe. Einmal löste er einen ganzen Bezirksverband auf, weil der seinem Bezirksleiter – Spitzenkandidat für die FN in den Kommunalwahlen – die Treue geschworen hatte.

"Front National und Gewerkschaftsengagement schließen sich gegenseitig aus", sagt Pesce. "Das muss man den Leuten aber immer wieder sagen." Denn als Marine Le Pen im Jahr 2011 den wirtschaftsliberalen FN übernahm, kopierte sie die wirtschaftspolitischen Forderungen der Gewerkschaften ins Parteiprogramm: 32-Stunden-Woche, Rente mit 60, drei Prozent Importzölle, solche Sachen. "Was ich heute auf der Website des FN lese, hätte auch von der CGT sein können", sagt Pesce. "Sobald man aber an der Oberfläche kratzt, zersetzt sich das."

Pesce zieht ein Buch aus seiner Umhängetasche und verteilt es an seine Genossen. Ein FN-Programm, Punkt für Punkt dekonstruiert. Der FN fordert die Rente mit 60, ja, aber nur für jene, die sie selbst bezahlen können. Oder die 32-Stunden-Woche: Sie soll es ohne Lohnausgleich geben. Die Importzölle: bezahlt durch die Konsumenten, also auch die Arbeiter. "Nationalkapitalismus" sei das, sagt Pesce.

Wahl in Frankreich - Was beide Präsidentschaftskandidaten verbindet Le Pen will aus der EU austreten, Macron nicht. Trotz aller Unterschiede haben beide Präsidentschaftskandidaten etwas gemein: Es fehlt ihnen eine Mehrheit im Parlament. © Foto: AFP-TV