Den Moment, als der Krieg in ihr Leben kam, hat Benita Islamović bis heute nicht vergessen. Eine "Atmosphäre der Angst" habe am 5. April 1992 in Sarajevo geherrscht, erinnert sich die heute 55-Jährige an den Tag, an dem die Bewohner der Vielvölkerstadt den Krieg vergeblich zu verhindern versuchten. "Wir wollten den Wahnsinn stoppen", erklärt die zierliche Bibliothekarin, warum sie damals mit ihrem Mann und Hunderttausenden anderer besorgter Bürger in Richtung Parlament zog: "Wir pfiffen die Flugzeuge aus, die über unseren Köpfen kreisten. Wir riefen, wir wollen Frieden, wir lassen uns nicht hinter Gatter sperren."

Schon seit 1991 wütete im benachbarten Kroatien der Krieg. Doch obwohl die besorgten Bewohner der Olympiastadt von 1984 in den ersten Apriltagen verstörende Nachrichten von ersten Massakern serbischer Freischärler im nordbosnischen Bijeljina erreichten und Jugoslawiens serbisch dominierte Volksarmee (JNA) in der Nacht zuvor den Flughafen der bosnischen Hauptstadt eingenommen hatte, wollte Benita bis zuletzt nicht an das drohende Szenario eines grausamen Krieges und einer jahrelangen Belagerung Sarajevos glauben.

"Natürlich hatten wir Hoffnung, zumindest hier den Krieg zu verhindern", sagt die zweifache Mutter. "Jahrhundertelang" sei Sarajevo schließlich eine multinationale Stadt gewesen: "Nicht nur Familien waren gemischt, auch Firmenbelegschaften und Viertel. Niemand dachte darüber nach, ob der andere Serbe, Kroate, Muslim, Roma oder Jude war."

Die Friedenshoffnungen starben im Kugelhagel

Doch von einem Moment zum anderen verwandelte sich die Stadt in eine Hölle auf Erden. Sie habe vor dem Parlament gestanden, als plötzlich aus Richtung des nahen Holiday-Inn-Hotels Schüsse peitschten, erzählt Benita Islamovic: "Plötzlich wurde von allen Seiten geschossen. Man wusste nicht, wer schießt, von wo und auf wen. Man hatte das furchtbare Gefühl, dass alle auf einen zielen."

Über den Fluten der Miljacka erinnert eine Plakette auf der Suada-und-Olga-Brücke an die offiziell ersten Opfer des Krieges: Die Studentin Suada Dilberović und die Angestellte Olga Sučić wurden von auf einer nahen Anhöhe postierten Heckenschützen erschossen. Der Tod der beiden Friedenskämpferinnen war der traurige Auftakt eines für Europas Nachkriegszeit bis dahin beispiellosen Blutvergießens. Mehr als 11.000 Menschen starben während des vier Jahre dauernden Bosnienkrieges in Sarajevo, mehr als 100.000 Menschen im ganzen Land.

Draußen donnert der Verkehr über die einstige "Allee der Heckenschützen". Hinter der noch immer von Einschusslöchern durchsiebten Fassade einer früheren Kaserne erinnert sich Benita Islamović im Behelfsquartier der Nationalbibliothek an die unvergesslichen Schrecken der Belagerung. Von den Höhenzügen beschossen schwere Geschütze der jugoslawischen Armee und der serbischen Milizen die eingekesselte Stadt. Von den Hochhäusern im Stadtteil Grbavica nahmen Heckenschützen die Anwohner ins Visier: "Wenn ihnen langweilig war und sie keine anderen Ziele hatten, schossen sie stundenlang auf Straßenschilder."

Noch immer erinnert Benita Islamović der zerborstene Kleiderstock in ihrer Wohnung an das Inferno des täglichen Beschusses. Ihr Wohnblock im Hrasno-Viertel lag genau im Niemandsland zwischen zwei Feuerlinien, erzählt die Frau. Fast vier Jahre hätten die Scharfschützen vom Oberrang des nahen Grbavica-Stadions ihre Straße beschossen: "Wenn man morgens zur Arbeit ging, wusste man nie, ob man auch wieder zurückkommen würde. Man fragte sich, werden die Heckenschützen heute ausgerechnet auf dich schießen? Werden die Granatwerfer heute ausgerechnet auf die Straßen feuern, die du überqueren musst?"

Streit um die Militärpensionen schweißt einstige Gegner zusammen

Viele Häuser in Sarajevo sind noch immer von Einschüssen gezeichnet. Im Hintergrund ein modernes Bürogebäude © Sean Gallup/Getty Images

Nur die kargen Rationen der Nahrungsmittelhilfe hätten die meisten Familien am Leben gehalten: "Von 65 Kilo magerte ich auf 45 Kilogramm ab", sagt Benita Islamović. Dennoch hätten die Frauen meist sorgfältig gepflegt das Haus verlassen: "Falls ein Scharfschütze sie erwischen sollte, wollten sie wenigstens anständig gekleidet ins Leichenschauhaus eingeliefert werden." An dem Tag, als mit der in Brand geschossenen Bibliothek im August 1992 ihr Arbeitsplatz in Flammen aufging, tötete ein Scharfschütze eine Kollegin auf dem Weg nach Hause per Kopfschuss. Viele Freunde habe sie verloren, selbst "Hunderte Male sterben" können: "Hunger, Kälte und Angst – die internationale Gemeinschaft ließ es zu: Das Blut floss jeden Tag."

Ein Hotel als Sinnbild des Kriegs

Das verblichene Rot einer sogenannten Sarajevo-Rose erinnert im Asphalt vor dem Eingang zum Hotel Holiday Inn an ein Opfer des Krieges, das hier starb. Das Leben eines Bosniers sei damals nichts wert gewesen, sagt Hajro Rovcanin. Saalchef war der heute 59-jährige Hoteldirektor, als sich der Serbenführer Radovan Karadžić rund einen Monat vor Kriegsbeginn mit seinem Gefolge in einer Suite im Obergeschoss einquartierte. Er beschreibt, wie dessen Heckenschützen die Demonstranten beschossen, bevor eine Spezialeinheit sie überwältigt und entwaffnet habe: "Ich sah damals sofort, dass etwas Schlimmes folgen würde. Heute würde ich den Krieg am liebsten vergessen. Doch das geht nicht."

Als "Spiegel von Bosniens Entwicklung" bezeichnet der Mann im dunklen Anzug seinen Arbeitsplatz. 1984 zu den Olympischen Winterspielen eröffnet, gastierten in dem Hotel zunächst Sportjournalisten und Funktionäre. Danach richtete die Nobelherberge unzählige Konferenzen aus: "Wir lebten nach vorne gerichtet. Es war egal, welche Abstammung man hatte. Sarajevo atmete mit vollen Lungen: Wir waren das Zentrum der Welt."

Im Frühjahr 1992 bezogen Kriegsreporter die Fluchten des unfreiwillig zum Fronthotel mutierten Holiday Inn. "Für uns wurden die Journalisten zur Familie", sagt Rovcanin: "Sie waren unser Kontakt zur Außenwelt, sorgten dafür, dass über das, was hier geschah, berichtet wurde." Oft habe er nach Granateinschlägen Zimmerbrände löschen müssen. Doch trotz Beschusses sei das Hotel relativ gut davongekommen: "Sie wussten, dass hier die Weltpresse untergebracht war – und hielten sich bewusst zurück."

Nach Kriegsende beherbergte der gelbe Klinkerbau Heerscharen ausländischer Politiker und Helfer. Nach der Jahrtausendwende erlahmte das Interesse an Bosnien, die Gästezahl ging stark zurück. Nach zwei gescheiterten Privatisierungen erklärte das Hotel 2015 den Bankrott.

"Nichts funktioniert"

Rosa bröckelt der Putz vom Sitz der Regionalregierung. "Diebe, Diebe", skandieren ergraute Männer mit müden Gesichtern. Im Krieg habe er aufseiten der kroatischen HVO gegen die Truppen der muslimischen Bosniaken gekämpft, berichtet der frühere Berufssoldat Vinko aus dem zentralbosnischen Busovača: "Die Politik hatte uns einst gegeneinander in den Krieg geführt– und nun im Kampf um unsere Pensionen vereint."

Bosniens Problem sei, dass in dem Vielvölkerstaat "nichts funktioniert", seufzt der arbeitslose Hobby-Imker: "Selbst jeder Kanton hat eine Regierung. Doch von diesem Labyrinth profitieren nur dessen Kapitäne." Immer mehr seiner Landsleute würden Arbeit im Westen suchen. "Wenn die Leute hier so viel verdienen könnten, wie sie dort Miete zahlen, würde niemand gehen", sagt Vinko. Bosnien stehe in Europa "ganz unten in der Hierarchie. Wir liefern die billigsten Arbeitskräfte – und kaufen dem Westen die ältesten Autos ab."

Die ethnische Teilung hat sich noch verstärkt

Coole Clubmusik plätschert durch die Katakomben des Cafe Tito, das nach dem legendären früheren jugoslawischen Staatschef benannt ist. Unter seiner Büste schlürfen junge Leute, die sich kaum oder nur vage an das jugoslawische Vorkriegsbosnien erinnern, ihren Kaffee. Sie sei keineswegs jugonostalgisch, denn sie sei damals noch zu jung gewesen, sagt die 33-jährige Kunsthistorikerin Ines Tanovać. Doch Jugoslawien sei zumindest ein Land gewesen, in dem sich der Staat um die Bürger gekümmert habe, man leben und arbeiten konnte, wo man wollte: "Davon kann man heute nur träumen."

Nicht nur kriminelle Privatisierungen und korrupte Politiker hätten das Land zerstört. Auch die "absurde", im Friedensabkommen von Dayton festgeschriebene Dreiteilung des Landes in die Bosniakisch-Kroatische Föderation, die serbische Teilrepublik Srpska und die Sonderverwaltungszone Brčko hätten die ethnischen Trennlinien verstärkt, klagt die aus Mostar stammende Tochter eines muslimisch-kroatischen Ehepaares. Gemischte Familien hätten die Folgen des "Kriegswahnsinns" von allen Seiten zu spüren bekommen: "Mein Vater saß im Krieg in einem kroatischen Gefangenenlager. Ich wurde von einer Granate der muslimischen Bosniaken verletzt."

Alte Ängste werden reaktiviert

Bosniens Politoligarchen würden sich den Krieg in enger Kooperation noch immer zunutze machen, berichtet die Bürgerrechtsaktivistin: "Vor jeder Wahl werden alte Ängste aufgepumpt, damit die Leute wieder für die nationalen Parteien stimmen." Den Leuten werde eingeflüstert, dass sie voreinander Angst haben müssten, obwohl sie eigentlich ihre Politiker fürchten sollten: "Denn die haben nur ein Ziel: dass die Lage so bleibt, wie sie ist."

In der Lobby des rundum erneuerten und wiedereröffneten Holiday-Inn-Hotels sprudelt inzwischen wieder der Springbrunnen. "Wir kehren dahin zurück, wo wir waren – an die Spitze", freut sich Direktor Rovcanin. Ob Sarajevo in absehbarer Zeit wieder zum einstigem friedlichen Geist und Olympiaglanz zurückfindet, hält er hingegen für zweifelhaft: "Die Leute könnten sich verbinden, die Wirtschaft das ihre tun. Aber es sind die Politiker, die immer wieder Öl ins Feuer gießen."