Zunächst ein paar Zahlen als Grundlage für eine sachliche Debatte: Die Beteiligung am Referendum lag in der Türkei bei 80 Prozent. Für eine Verfassungsänderung haben – nach vorläufigen Ergebnissen – 51,3 Prozent der Wahlberechtigten gestimmt. Das Ja-Lager liegt also gerade mal mit knapp 1,4 Millionen Stimmen vorn.

Schaut man sich dagegen an, wie nur in Deutschland abgestimmt wurde, sieht das Ergebnis auf den ersten Blick ganz anders aus: Bei Ja machten laut vorläufigem Ergebnis 63,1 Prozent der hier lebenden Wahlberechtigten ein Kreuz. Es ist jedoch falsch, anhand dieser Zahl generelle Rückschlüsse auf die Einstellung von Deutschtürken zu ziehen. Daher ein paar Details: In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt 2,9 Millionen Menschen, die aus der Türkei stammen. Von ihnen sind 1,43 Millionen wahlberechtigte türkische Staatsangehörige. Rund 46 Prozent – also etwa 661.000 Personen – haben von diesem Recht Gebrauch gemacht. Mit Ja gestimmt haben etwa 416.000 der in Deutschland lebenden Wahlberechtigten.

Nicht alle in einen Topf werfen

Ich will das Ergebnis nicht schönreden, denn aus meiner Sicht ist jede Stimme für die Verfassungsänderung eine zu viel. Dennoch sollten in der Diskussion über die Demokratiefähigkeit von Deutschtürken nicht alle in einen Topf geschmissen werden. Wer alle in Deutschland einbezieht, die hätten abstimmen dürfen, dem fällt auf, dass nur 29 Prozent von ihnen für die Machterweiterung Erdoğans gestimmt haben, der Rest hat entweder mit Nein gestimmt oder ist nicht zur Wahl gegangen. Aus dem Wahlergebnis lässt sich also weder schließen, die Mehrheit der Deutschtürken sei für den Demokratieabbau in der Türkei, noch, sie sei "Feuer und Flamme" für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dessen Plan, sich mit mehr Macht auszustatten.

Es ist falsch und fatal, jetzt von der gescheiterten Integration der Deutschtürken zu sprechen. Damit nämlich stößt man auch all diejenigen vor den Kopf, die für den "Reis", den Führer, wie Erdoğan von seinen Anhängern betitelt wird, keinerlei Sympathie hegen.

Anstatt vorschnell zu urteilen, sollte man genauer untersuchen, wie das Ja unter den Türkeistämmigen in Deutschland zustande gekommen ist. Sie sind in erster Linie Einwanderer aus ländlichen Gebieten der Türkei und deren Nachkommen, die überwiegend einem traditionellen und religiös-konservativen Milieu entstammen. Eine Schicht also, die Erdoğan auch in der Türkei erreicht. Es sind vor allem Menschen, die sich dort wie hier von der Politik vernachlässigt fühlen.

Erdoğan-Anhänger fühlen sich diskriminiert

Viele türkischstämmige Menschen – besonders die Erdoğan-Anhänger – fühlen sich ausgegrenzt, benachteiligt und diskriminiert. Diese Wahrnehmung ist sicherlich nicht falsch, sie wird aber allzu sehr gepflegt, bis zur Opferstilisierung. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Diskriminierung und Anhimmeln eines "Führers" nicht schlüssig. Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass es Erdoğan wie kein anderer türkischer Politiker zuvor geschafft  hat – auch durch sein rhetorisches Talent –, sich dieser Gruppe anzunehmen. Das Ja ist also zu verstehen als Loyalitätsbeweis und als Zeichen einer starken Identifikation mit Erdoğan als einem Politiker, der die Türkei wirtschaftlich und infrastrukturell aufgepäppelt hat.

Das Ja ist auch zu deuten als das Abstimmungsverhalten von Menschen, die sich nicht wirklich Gedanken gemacht haben um die Konsequenzen der Verfassungsänderung. Wenige von ihnen dürften wissen, was genau sich ändern und welche Auswirkungen ihr Votum konkret haben wird. Es ist das Ja von emotional handelnden Menschen, die sich haben einlullen lassen von Erdoğan und seinen in Deutschland eingesetzten Politfunktionären. Es ist das Ja von Leuten, die sich regelmäßig volldröhnen lassen von den gleichgeschalteten türkischen Medien. Die Ja-Sager hierzulande folgen dem Feindnarrativ und dem bipolaren Weltbild ihres "Reis" und haben kein Problem damit, dass sich die politische Macht in einer Person konzentriert.

In den sozialen Netzwerken wird seit gestern Abend eifrig über die Gründe und die Folgen der vielen Ja-Stimmen unter den deutsch-türkischen Wählern diskutiert. Sie seien vor allem eine Trotzreaktion auf das Türkei-Bashing deutscher Medien, deutscher Politiker und der Bundesregierung, meint manch ein Deutschtürke und externalisiert mit dieser Argumentation mal wieder die Schuld. Mag sein, dass die negative Berichterstattung zu dieser Reaktion geführt hat. Wenn dem so ist, dann wäre es ein dümmlicher Trotz!

Beängstigende Reaktionen

Es ist nicht nachzuvollziehen, dass Menschen, die Deutschtürken, die sich hier über Ausgrenzung und Unterdrückung beklagen, mit ihrem Ja einem Staatspräsidenten den Rücken stärken, der in der Türkei Minderheiten unterdrückt, die Meinungsfreiheit gekappt hat und die Todesstrafe einführen will. Mit diesem Verhalten verscherzt es sich diese Gruppe der Deutschtürken mit der Empathie derer, die bislang Verständnis für sie hatten. Es grenzt auch an Irrsinn, dass Menschen, die hierzulande von allen Vorteilen eines Rechtsstaates profitieren können, für ein antidemokratisches System in ihrem Herkunftsland stimmen, denn das Ergebnis der Verfassungsänderung wird die Alleinherrschaft des Präsidenten sein.

Die Reaktion der Nein-Sager aus der Türkei auf die Ja-Sager in Deutschland ist daher nachvollziehbar: Sie sind sehr wütend und laden sie ein, mit ihnen zu tauschen. Ähnlich emotional sind einige Reaktionen aus Deutschland: "Packt eure Sachen und geht in die Türkei", schreiben manche. Solch ein Appell ist als Dampfablassen nachvollziehbar – aber er ist auch beängstigend. Wenig hilfreich ist auch, das Votum der Deutschtürken auf die fehlende politische Partizipation in Deutschland zurückzuführen.

Weder die Selbststilisierung zum Opfer noch die Viktimisierung von außen oder der Hinweis auf den geringen Bildungsstand bieten eine wirklich überzeugende Erklärung. Es ist wohl von allem etwas dabei, denn immerhin 416.000 Deutschtürken haben offensichtlich kein Problem damit, die Allmachtsfantasien eines Autokraten zu unterstützen und können mit Demokratie entsprechend wenig anfangen.

Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Das ist die vorrangige Frage. Vor allem muss die Politik reagieren: Sie darf die Einwanderer nicht mehr nur als Opfer der Diskriminierung begreifen. Vielmehr sollten Migranten auch verstärkt das Ziel von politischer Bildung sein, es braucht für sie eine Art Demokratieerziehung.

Türkei-Referendum - Was das Evet für die Türkei bedeutet Eine knappe Mehrheit der Türken hat für die Verfassungsänderung gestimmt, die Präsident Erdoğan mehr Macht verleiht. Ein Überblick über die wichtigsten Punkte des Referendums © Foto: Carim Soliman