1. Macron, der Unverbrauchte

Mit 39 Jahren könnte er der jüngste Präsident Frankreichs werden – ein Mann, den vor drei Jahren noch niemand kannte. Sein Alter verschafft ihm eine Aura des Frischen, Unverbrauchten. Und auch, dass er keiner traditionellen Partei angehört. Vor rund einem Jahr gründete er die Partei En Marche (etwa: In Bewegung), oder besser gesagt, gründete er seine Bewegung, denn Emmanuel Macron vermeidet all die bekannten politischen Begriffe. Schließlich haben die Franzosen ihre traditionellen Parteien und alten Gesichter satt. Die regierenden Sozialisten bekamen sechs Prozent der Stimmen, die historisch siegesverwöhnten Republikaner wurden nur Dritte.

Macron hat es geschafft, sich als neues und unabhängiges Gesicht zu verkaufen, obwohl er ein alter Hase im politischen Geschäft ist: Einst Banker bei Rothschild, dann Mitglied einer liberalen Wirtschaftskommission für den konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy, später Berater von François Hollande und schließlich dessen Wirtschaftsminister. Sicher, Macron ist jung – aber Karriere machte er in der alten französischen Elite.

2. Macron, der Lechts-rinks-Politiker

Seine Bewegung sei links und rechts gleichzeitig, sagt Macron. Oder, wie er neuerdings behauptet, weder links noch rechts. Tatsächlich können sich beide Lager in seinem Programm wiederfinden. Selbstständige und Angestellte sollen kündigen können und trotzdem Arbeitslosengeld beziehen, das gefällt den Linken. Arbeitslose sollen weniger staatliche Unterstützung erhalten, sobald sie zweimal zumutbare Jobs ablehnen, das dürfte den Konservativen gefallen. Und die Wohnungssteuer zu streichen, die alle Franzosen zahlen, dagegen hat auch niemand etwas einzuwenden, und auch nichts dagegen, mehr Lehrer einzustellen oder Langzeitarbeitslose weiterzubilden.

Wahl in Frankreich - Was beide Präsidentschaftskandidaten verbindet Le Pen will aus der EU austreten, Macron nicht. Trotz aller Unterschiede haben beide Präsidentschaftskandidaten etwas gemein: Es fehlt ihnen eine Mehrheit im Parlament. © Foto: AFP-TV

Macron ist so etwas wie eine Mischung aus rechter SPD und linker FDP – Letztere gab es in Frankreich bislang nicht. Und so wirkt seine Mischung aus links und rechts wie etwas Neues. Auch wenn sein Programm tatsächlich kaum einen wirklich neuen Punkt enthält.

3. Macron, der Frauenversteher

Macron und seine 24 Jahre ältere Frau Brigitte gefallen den Franzosen – und vor allem den Französinnen. Nach all den Affären ihrer Staatsoberhäupter mit vornehmlich jungen Frauen wirkt seine Ehe mit der ungleich älteren Brigitte geradezu feministisch. Sie, die einmal seine Französischlehrerin war, lässt den jungen Macron erfahren und seriös wirken. Ihretwegen trägt er zwei Eheringe und in keiner Rede vergisst er, seiner Brigitte zu danken.

Als sie die Paparazzi von Paris Match – ein Klatschblatt – zu sich nach Hause einlud, erschienen Fotos von Macron, wie er ihre Enkel mit dem Babyfläschchen füttert, wie er mit Brigitte am Strand spaziert, wie er am Schreibtisch Akten studiert. Für die Homestory steckte Brigitte Kritik ein und sagte schließlich, sie habe nur ihre Liebe beweisen wollen und dass es ein persönlicher Fehler war. Unwahrscheinlich, dass Brigitte Paris Match im Alleingang einlud. Sie wird von zahllosen Kommunikationsexperten beraten: Es ist davon auszugehen, dass die großen Geschichten über Emmanuel und Brigitte lange und gut geplant waren. Und das Storytelling funktioniert: Am Wahlabend riefen seine Anhänger ihren Namen häufiger als seinen eigenen.

4. Macron, der Neusprecher

Mit einer Bemerkung hatte seine rechtsextreme Konkurrentin Marine Le Pen recht: Als Macron in einer Fernsehdebatte langatmig über die Aufgaben des Präsidenten sprach, wusste niemand, was er eigentlich sagen wollte. "Sie reden sieben Minuten und ich kann nicht einen Gedanken von Ihnen erkennen", sagte Le Pen. Tatsächlich ist Macron ein Meister darin, sich nicht festzulegen und mit Worten zu spielen. Er spricht von "Revolution" und meint damit, die Anzahl der Parlamentarier zu reduzieren – eine uralte Forderung. Er spricht von "Bewegung", und meint damit seine Partei. Er spricht von sich selbst als "Neuanfang in der Politik", obwohl er Wirtschaftsminister war. Offenbar hat ihm seine vage Sprache genützt.

Vielleicht auch, weil die harten Losungen vom konservativen François Fillon wie "Beamtenstellen streichen", "länger arbeiten" und "bei den Gesundheitskosten sparen" den Leuten ebenso Angst machten wie die seines Linken-Konkurrenten Jean-Luc Mélenchon, der eine "neue Republik", ein "neues Europa" und eine "komplett verwandelte ökologische Wirtschaft" forderte. Die seichte Sprache von Macron vermittelt Sicherheit, bedeutet ein "Weiter so".

5. Macron, das Werbe-Ass

Politologen, Soziologen und Werbestrategen sind sich einig: Macron ist ein Meister darin, das Produkt Macron zu verkaufen. Macron hat, wie in der Wirtschaft üblich, Marktstudien darüber angestellt, was die Franzosen erwarten: ein sozialeres Europa, ein Ende des Zwei-Parteien-Landes, ein neues Gesicht, eine versöhnliche Wortwahl. Seine Sprecher scheuen sich nicht, seine Bewegung En Marche als "erfolgreiches Start-up mit großem Wachstum" zu beschreiben. Wie eine Firma soll das Start-up funktionieren. Und wie in einer Firma haben am Tag nach dem ersten Wahldurchgang seine Strategen und Berater die kommenden zwei Wochen bis zum Duell geplant. Auf dass die Neugründung, das Start-up, politisch überlebt.