Kaum hatte im vergangenen Sommer eine knappe Mehrheit der zur Wahl gegangenen Briten für den Brexit gestimmt, kam über Brüssel ein Sturm auf. Gewitterwolken zogen über die Stadt. Das Unwetter wütete so heftig, dass auf dem internationalen Flughafen Brüssel-Zaventem fast alle Flüge gestrichen werden mussten. In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2016 glich der Flughafen einer überfüllten Flüchtlingsunterkunft: chaotisch, ohne Übernachtungsmöglichkeiten und ohne Durchblick.

Es war wie ein Symbol dessen, was gerade mit der EU geschehen war. Die in Zaventem Gestrandeten wollten Brüssel ganz schnell verlassen, aber sie wussten nicht wie und womit. Die EU-Politiker in Brüssel aber, vom Votum der Briten kalt erwischt, wollten möglichst schnell den Eindruck erwecken, dass alles halb so schlimm sei. Aber sie wussten selbst nicht: Wie geht es jetzt weiter?

Im vergangenen Jahr gab es wohl nur zwei politische Ereignisse, die ganz Europa kollektiv so sehr bewegten: die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten – und der Brexit. In der Nacht nach der Abstimmung redeten auf dem Brüsseler Flughafen selbst die Urlauber, die eigentlich nur dort hatten umsteigen wollen, über das vermeintlich bevorstehende Ende der EU. Alle waren überrascht, viele geschockt über die Nachricht, deren Konsequenzen für Großbritannien, Europa und die Welt sich keiner ausmalen konnte.

Nie zuvor musste die EU sich damit befassen, dass ein so mächtiges Mitglied den Staatenbund verlassen wollte. Großbritannien ist seit 44 Jahren dabei, es gehört zu den stärksten Beitragszahlern, und es ist militärisch so stark wie kaum ein anderes EU-Land. Viele befürchteten: Wenn die Briten aussteigen wollten, würden dann nicht zwangsläufig andere Länder folgen? Wäre der Zusammenbruch der EU die unausweichliche Folge?

EU-Gegner verlieren Wahlen

Knapp zehn Monate später steht das erste offizielle EU-Gipfeltreffen zum Brexit bevor, und inzwischen steht fest: Der Brexit hat jetzt einen Platz im Duden. Die Europäische Union aber scheint geeint wie lange nicht. Die Verhandlungsposition der anderen Mitgliedsländer gegenüber den Briten ist so klar, dass es darüber auf dem Treffen am Samstag nicht einmal eine kurze Diskussion geben wird.

Seit die Briten sich für den Austritt entschieden, haben proeuropäische Parteien, Politiker und parteilose Bürgerbewegungen an Zuspruch gewonnen. Und sie gewannen Wahlen. Zum Beispiel in Österreich, wo mit dem grünen Kandidaten Alexander Van der Bellen ein proeuropäischer Kandidat die Präsidentschaftswahl für sich entschied. In den Niederlanden scheiterte der Antieuropäer Geert Wilders an seinen eigenen Ansprüchen. Und in Frankreich hat der Proeuropäer Emanuel Macron gute Chancen, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen.