Bundeskanzlerin Angela Merkel sei sparsam und rigide und nicht gerade ein Spaßvogel, sagen französische Kommentatoren. Sie sei eben typisch deutsch. 54 Jahre nach dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag blühen im Wahlkampf alte Stereotype wieder auf: Deutschland ist für die Pariser Präsidentschaftskandidaten ein willkommenes Phantasma und Fußabtreter zugleich. An welchem Land soll sich Frankreich auch sonst messen, wenn nicht am wichtigsten wirtschaftlichen Partner und Gründungsmitglied der Europäischen Union?

Die drei häufigsten Vorwürfe betreffen die Wirtschaft: die deutsche Sparpolitik. Die geringen Arbeitnehmerrechte. Die Macht von Merkel über Europa. Merkel und Europa – in Frankreich liest sich das häufig so, als habe die Bundeskanzlerin alle 27 Länder in der Tasche. "In Frankreich herrscht das Gefühl, dem Nachbarn unterlegen zu sein und die Zukunft nicht mehr in den eigenen Händen zu halten – was für Frustration sorgt", schreibt Claire Demesmay, Frankreich-Expertin bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Während die Deutschen dagegen kaum wahrnähmen, dass sich Frankreich und andere europäische Staaten von Deutschland dominiert fühlten.

Weg mit der Schuldenbremse

Umso heftiger debattiert die Grande Nation über den Einfluss von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie solle "die Klappe halten", sagt Jean-Luc Mélenchon, der linke Kandidat, der zuletzt so stark in den Umfragen gestiegen ist, dass er es am kommenden Sonntag in das entscheidende Duell schaffen könnte. Die deutschen Konservativen würden ein europäisches Programm verfolgen, das Europa langfristig sterben lasse. Merkel sei letztendlich verantwortlich für 500.000 griechische und eine Million spanische Wirtschaftsflüchtlinge, weil die deutschen "schreckliche Ansprüche" an diese Länder gestellt hätten. "Kümmern Sie sich um ihre Armen und ihre verkommenen staatlichen Einrichtungen", schimpft Mélenchon. Er wirbt darum, als Präsident für ein neues Europa zu kämpfen, dass die Schuldengrenze von drei Prozent aufhebe und durch massive staatliche Investitionen – etwa in ökologische Energien und eine bäuerliche Landwirtschaft – die Arbeitslosen beschäftigen und die Staatshaushalte langfristig sanieren könne. "Deutschland ist auf Frankreich angewiesen. Wir können bestimmen, wie es in Europa läuft", sagt Mélenchon – und seine Anhänger lieben ihn für dieses Selbstbewusstsein.

Viele Franzosen empfinden die Finanzkrise als Wendepunkt: Mit ihr hätte Deutschland als größte Wirtschaftsnation in der EU an Macht gewonnen, Frankreich habe politischen Einfluss verloren. "Es herrscht eine wachsende Asymmetrie", sagt auch Forscherin Demesmay. Und so bezweifeln die Kandidaten, dass Deutschland wirklich stärker sei. Genau wie in Deutschland auch wird darüber diskutiert, ob die niedrigere Arbeitslosenquote tatsächlich eine gute Nachricht ist, oder ob sie erkauft wurde durch unsichere und schlecht bezahlte Jobs. So kommentiert beispielsweise die Tageszeitung Le Monde, das deutsche Arbeitsrecht sei sehr ungünstig für die Angestellten. In Firmen mit weniger als zehn Mitarbeitern sei es sehr leicht, zu kündigen – es müsse nicht einmal ein Grund genannt werden. Die Gewerkschaften seien schwach. Tatsächlich werden Franzosen besser für ihre Arbeit bezahlt: Laut Eurostat hat nur jeder zwölfte Franzose ein geringes Gehalt, aber mehr als jeder fünfte Deutsche. Menschen mit geringem Gehalt verdienen pro Stunde nur zwei Drittel oder weniger des mittleren Lohnes. Gerade linke Kandidaten betonen die prekären deutschen Jobs. "In Deutschland gibt es wenige Arbeitslose, aber viele Arme", sagt der Sozialist Benoît Hamon. Und fügt hinzu: "Ich glaube nicht, dass sich jemand, der arbeitet und arm ist, besser fühlt, als jemand, der arbeitslos ist."

Le Pen und Deutschlands Babys

Besonders rüde Worte findet der rechtsextreme Front National. Sein Lieblingsthema ist die geringe deutsche Geburtenrate. Deutsche Paare bekommen durchschnittlich 1,4 Kinder, französische rund zwei. "Sicherlich hat Merkel mit ihrer massiven Einwanderung an ihre sterbende Demographie gedacht und sicherlich möchte sie mit den Migranten weiter ihre Gehälter reduzieren und Sklaven rekrutieren", sagt die Spitzenkandidatin Marine Le Pen. Sie nutzt jede Gelegenheit, um auf Deutschland zu schimpfen und alte Aversionen der Franzosen wiederzubeleben.

Positive Worte für die deutsche Politik hatte lange nur der liberale Favorit Emmanuel Macron übrig: "Dass mich Angela Merkel in Berlin empfangen hat, ist ein Zeichen: Sie weiß, dass Frankreich und Deutschland Europa aufbauen können", sagt der 39-jährige Aufsteiger. Er wolle ihr keine Lektionen erteilen, sondern erst einmal Frankreich reformieren. Macron lobt auch Merkels Flüchtlingspolitik: "Sie war die einzige, die verantwortungsvoll Flüchtlinge aufgenommen und damit noch größere menschliche Dramen verhindert hat", sagt Macron.

Die freundlichen Worte honorierten Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble: Schäuble sprach sich für Macron als Präsidenten aus, obwohl er eigentlich François Fillon unterstützen müsste, der derselben konservativen politischen Familie angehört wie der CDU-Minister.

Doch selbst der Merkel-Freund Macron geht inzwischen auf Distanz und kritisiert die Exportüberschüsse. Deutschlands "wirtschaftliche Stärke in seiner jetzigen Ausprägung" sei nicht tragbar, sagte er in einem Interview. So drohen im Kampf um den Élisée die Klischees und Vorurteile gegen Deutschland noch zuzunehmen.