"Willkommen! Ihr seid die Elite von morgen". Für deutsche Ohren mögen diese Worte befremdlich klingen. Doch wenn die Anfangzwanziger an den französischen Elitehochschulen, den Grandes écoles, zu Beginn ihrer Studienzeit diese Worte hören, finden sie sie ganz selbstverständlich. Immerhin haben sie einen anspruchsvollen Eignungstest überstanden, zahllose Konkurrenten ausgestochen und sind jetzt auf bestem Weg zu einem gut dotierten Posten als Präfekt, Diplomat oder Manager. Und sie sind überzeugt: Sie haben es verdient. Schließlich haben sie die erforderlichen Leistungsnachweise erbracht.

Aber obwohl der Begriff "Elite" in Frankreich bei Weitem nicht so negativ besetzt ist wie in Deutschland, wächst auch in Frankreich das Misstrauen – geschürt vom rechtsextremen Front National und seiner Spitzenfrau Marine Le Pen. Sie versucht, den Präsidentschaftswahlkampf zu einem Duell zwischen lebensfremden Eliten, in deren Ecke sie ihren Konkurrenten Emmanuel Macron stellt, und sich selbst als "Kandidatin des Volkes" zu stilisieren. 

Dabei beruht die französische Elitenbildung ursprünglich auf einem zutiefst demokratischen Grundgedanken: Jeder kann es auf eine Grande école und damit in die höhere Beamten-, Ingenieurs- oder Managerlaufbahn schaffen. Die Besten der Besten sollen die wichtigsten Positionen bekleiden. Wer nur hart genug arbeitet und ehrgeizig lernt, setzt sich durch – unabhängig von Einkommen oder Herkunft. Das verspricht Prestige, einen guten Job und ein lebenslanges Netzwerk. Weil es für die Eliteschulen Stipendien und für Beamten- oder Offiziersanwärter sogar Gehalt gibt, ist der Zugang oberflächlich betrachtet auch keine Frage des Geldes.

Die pure Meritokratie also? Wohl kaum: Der Elitenforscher Michael Hartmann weist darauf hin, dass die unteren 90 Prozent der Bevölkerung gerade einmal acht Prozent der Studierenden der vier renommiertesten Grandes écoles stellen. "Es ist immer noch etwas Besonderes, wenn an der Ingenieursschule École polytechnique oder der Verwaltungshochschule ENA ein Arbeiter- oder Bauernkind aufgenommen wird. Das ist eine große Ausnahme, das steht dann sogar in der Zeitung. Frankreich ist bis heute das Land mit dem geschlossensten Elitebildungssystem."   

Schöner Sprachstil statt gleicher Chancen

Der Sozialwissenschaftler Albrecht Sonntag, der im westfranzösischen Angers an einer Management-Hochschule lehrt, kritisiert: "Heute ist dieser demokratische und meritokratische Gedanke pervertiert. Der Zugang zu dieser besonderen Ausbildung wird weniger als Verpflichtung, sondern als Zugang zu Privilegien verstanden."

Fast jeder französische Premierminister oder Präsident der Nachkriegsgeschichte hat eine Grande école besucht – auch Staatschef François Hollande, der sich so sehr als bürgernaher Präsident inszenieren wollte. Die Elitehochschulen bilden nicht nur den Pool, aus dem der Staat seine Beamten und die Unternehmen ihre Spitzenmanager rekrutieren. Sie formen auch das Private und das Politische: Jacques und Bernadette Chirac lernten sich dort kennen, Hollande begegnete dort der späteren Mutter seiner Kinder und jetzigen Umweltministerin, Ségolène Royale, und besetzt ein Präsident seine Minister, beruft er gern seine Jahrgangskollegen.

Die Verwaltungshochschule ENA hat Minister und Premiers sowohl von rechts als auch von links hervorgebracht, sagt Sozialwissenschaftler Sonntag. Er beobachtet bei Absolventen beider politischer Lager einen anti-egalitären Habitus, den feinen Unterschied, mit dem sie sich vom gemeinen Volk abheben wollen. "Das ist die große Angriffsfläche, auf die sich Marine Le Pen einschießt – gar nicht auf links oder rechts, sie kann die Amtsträger schon wegen ihres elitären Gebarens alle in einen Topf werfen."