Marine Le Pen drohen kurz vor der französischen Präsidentschaftswahl neue Ermittlungen und womöglich sogar eine Anklage. Der Chefin des rechtsextremen Front National (FN) wird vorgeworfen, zusammen mit anderen Europaabgeordneten ihrer Partei Mitarbeiter als parlamentarische Assistenten bezahlt zu haben, obwohl sie in Wirklichkeit Parteiaufgaben übernahmen. Ermittlungsrichter haben deswegen nach Angaben aus Justizkreisen bereits Ende März die Aufhebung ihrer parlamentarischen Immunität beantragt. Falls das Europaparlament dem Antrag folgt, könnten die Ermittler Le Pen zu den Vorwürfen befragen und ein Verfahren gegen sie einleiten. Letztlich könnte das in einer Anklage münden.

Die Ermittlungsrichter hatten die FN-Chefin und -Präsidentschaftskandidatin bereits vor wenigen Wochen vorgeladen. Sie weigerte sich aber mit Verweis auf ihre parlamentarische Immunität, während des laufenden Präsidentschaftswahlkampfs bei der Justiz zu erscheinen.

Le Pen hat die Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen und als politisch motiviert bezeichnet. Gegen ihre Bürochefin wurde inzwischen bereits ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Das Europaparlament hatte Le Pens Immunität Anfang März schon in einer anderen Sache aufgehoben. Dabei geht es um den Vorwurf der Verbreitung von Gräuelfotos von Opfern der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" über Twitter. In Frankreich ist es eine Straftat, Bilder mit Gewaltdarstellungen, die die Menschenwürde verletzen, zu verbreiten.

Die Vorwürfe haben der rechtsextremen Präsidentschaftskandidatin im Wahlkampf bislang nicht geschadet, anders als dem konservativen Kandidaten François Fillon, dem die Scheinbeschäftigung seiner Frau und Kinder vorgeworfen wurde und der daraufhin in den Umfragen abstürzte. Die Meinungsforscher sehen Le Pen nach wie vor in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 23. April vorne. In der Stichwahl am 7. Mai dürfte sie nach den Umfragen aber ihrem Gegner unterliegen – nach derzeitigem Stand dem parteilosen Mitte-Kandidaten Emmanuel Macron.