Auf den ersten Blick könnte man sich in Aymeric Durox täuschen. Der junge Mann, der im silbergrauen Cabrio am Bahnhof von Fontainebleau vorfährt, trägt klassische dunkelblaue Stoffhosen zum beigen Pulli über einem hellblau karierten Hemd. Er bewohnt eine hübsche Zwei-Zimmer-Wohnung wenige Schritte neben dem Rathaus. Ein bisschen unaufgeräumt ist sie: Das Zuhause eines 31-jährigen Junggesellen eben, der, wie die meisten in dieser ehemaligen Residenzstadt französischer Könige südlich von Paris, am vergangenen Sonntag bürgerlich-konservativ gewählt haben könnte. Oder auch den parteilosen Polit-Jungstar Emmanuel Macron, der jetzt gegen Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National (FN) in die Stichwahl um die Präsidentschaft geht.

Was Durox über seinen Alltag als Lehrer für Erdkunde und Geschichte an einem der beiden örtlichen Gymnasien erzählt, würde gut zu der Forderung Macrons passen, dass kein einziges Talent in diesem Land vergeudet werden darf; dass die Schule für Kinder aus bildungsfernen Schichten die wichtigste Basis für künftigen Erfolg ist.

Aber nein. Durox hat Le Pen gewählt. Aus Überzeugung. Seit der Europawahl von 2009 hat er sein Kreuz nirgendwo anders mehr gemacht als beim FN, und seit 2015 hat er auch das Parteibuch der Rechten. Im Juni wird er für die FN bei der Parlamentswahl kandidieren.

2009, was ist da geschehen? "Das war ein Jahr, nachdem Nicolas Sarkozy mich betrogen hat," sagt Durox. Der damalige Präsident, für den er bei der Wahl im Frühjahr 2007 gestimmt hatte, hatte im Dezember des gleichen Jahres den Vertrag von Lissabon unterzeichnet. Dieser ersetzte den europäischen Verfassungsvertrag, der 2005 am Nein der Franzosen und Niederländer gescheitert war.

Auch Durox hatte damals dagegen votiert. "Weil ich schon immer für ein Europa der Nationen war. Sarkozy hat gesagt, der neue Vertrag sei komplett anders. Das war gelogen."

Dieser gefühlte Verrat reichte für den Wechsel des Lehrers an den rechten Rand. Zumal sich seither seine Überzeugung verstärkt hat, dass Deutschland über die EU auch Frankreich beherrscht. "Seit über hundert Jahren tappt ihr uns auf die Füße," klagt er. "Zum Glück kämpfte Deutschland im Zweiten Weltkrieg an zwei Fronten, sonst wäre ich heute vielleicht Deutscher." Die Wiedervereinigung bedauert er. "Vorher war Frankreich groß."

Lehrer wie Durox gehören nicht zur Stammklientel der FN. Aber sie werden mehr. Votierten 2012 bei der letzten Präsidentschaftswahl noch 4,5 Prozent von ihnen für Le Pen, dürften es diesmal nach den jüngsten Erhebungen schon doppelt so viele sein. Weil sie ihre Autorität durch linke Schulpolitik gefährdet sehen. Weil sie in Klassen mit 34 oder 36 Schülern ihren Stoff nicht mehr durchbekommen, vor allem in Gegenden, wo viele Migrantenkinder leben und die soziale Lage angespannt ist. Oder einfach auch, weil sie wie Beamte anderer Berufsgruppen weitere finanzielle Einschnitte fürchten und damit ihren eigenen Abstieg.