Boris Johnson glaubte wohl, sein großer Augenblick auf der Weltbühne sei gekommen. Nach dem mutmaßlich von der syrischen Luftwaffe verübten Giftgasangriff in der Provinz Idlib und dem US-Luftschlag auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt forderte der britische Außenminister großspurig neue Sanktionen gegen Russland. Vor dem Treffen der G7-Außenminister im italienischen Lucca sagte Johnson, Russland habe durch seine Unterstützung des syrischen Regimes "sein Ansehen vergiftet". Die Kooperation mit dem Diktator Assad müsse Konsequenzen haben.

Mit seinen markigen Worten prallte Johnson bei seinen Kollegen jedoch ab. Vor allem Italien, Frankreich und Deutschland sprachen sich gegen voreilige Schritte aus. Italiens Außenminister Angelino Alfano forderte stattdessen den Dialog mit Moskau. Russland dürfe nicht "in die Ecke gedrängt werden". Der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault, ohnehin kein Freund Johnsons, legte nach. Nur Johnson habe das Thema Sanktionen angesprochen, sagte Ayrault. Ansonsten sei nicht groß darüber geredet worden. Das Thema war vom Tisch, Johnson war blamiert.

Kritik von allen Seiten

In Großbritannien prasselt seitdem von allen Seiten Kritik auf Johnson ein. Der Chef der Liberaldemokraten, Tim Farron, bezeichnete Johnsons Misserfolg als ein "Versagen der britischen Diplomatie". Johnson sei nicht viel mehr als ein "Hofnarr", der sich wohl in der "Rolle des Kronprinzen" für den Posten des Premierministers verstehe, den aber niemand ernst nehme.

Der Labour-Politiker und Schatten-Schatzkanzler John McDonnell sagte, Johnson habe mit seinem erfolglosen Vorstoß Großbritannien "beschämt". Ein Kommentator des linksliberalen Guardian nannte den Außenminister den "emotional bedürftigsten aller Politiker", der nun in einer Karrierekrise stecke. Johnson habe sich reflexartig an die Seite der USA gestellt, während die meisten anderen europäischen Staaten die Trump-Regierung weiter als "zweifelhaften Alliierten" betrachteten.

Ein "Clown auf der Weltbühne"

Wenig zurückhaltend war auch die Kritik am rechten Rand. Der frühere Chef der rechtspopulistischen United Kingdom Independence Party (Ukip), Nigel Farage, sagte in seiner Radioshow: "Ich bin ein Unterstützer von Donald Trump, ich möchte, dass wir enge Freunde und Alliierte Amerikas sind. Aber ich möchte nicht, dass wir Amerikas Pudel sind." Und die Daily-Mail-Kolumnistin Katie Hopkins schrieb, Johnson habe wohl geglaubt, Syrien sei seine Gelegenheit, um zu beweisen, dass er ein "großer Staatsmann" sei. Stattdessen sei er "als Clown auf der Weltbühne geendet".

Die Kritik bezog sich nicht nur auf den verpatzten Vorstoß beim G7-Treffen. Wenige Tage zuvor hatte Johnson bereits kurzfristig einen lange geplanten Besuch in Moskau abgesagt und US-Außenminister Rex Tillerson den Vortritt gelassen. Ob Johnson selbst, Premierministerin Theresa May oder die USA hinter diesem Rückzieher standen, ist unklar. Das Außenministerium in Moskau nutzte die Gelegenheit, um Salz in eine Jahrzehnte alte britische Wunde zu streuen. London vertrete "in der Mehrzahl der gegenwärtigen Streitfragen keine eigene Position", und es habe auch "keinen wirklich Einfluss auf den Kurs internationaler Angelegenheiten", hieß es in einer unverblümten Erklärung.

Tatsächlich erschien Londons Sanktionsforderung gegen Russland – vertreten durch den glücklosen Boris Johnson – als Versuch, sich außenpolitisch an die Seite der USA zu stellen. Bereits als Donald Trump Ende Januar Theresa May als ersten ausländischen Regierungschef empfing, sprach die praktisch über nichts anderes als über den britischen Anspruch, eine "Führungsrolle" in der Welt an der Seite der USA einzunehmen. Johnsons Schlappe bei den G7 war deshalb umso schmerzhafter – nicht nur für ihn.