Zuletzt mischte sich sogar eine Schönheitskönigin in den Streit ein. "Gibraltar ist britisch und wird es immer sein. Warum sollten wir jemals unsere Flagge austauschen wollen?", fragte Kaiane Lopez. Die 30-jährige ehemalige Miss World ist seit wenigen Tagen Bürgermeisterin der britischen Enklave Gibraltar und damit das junge, strahlende Gesicht in einem Jahrhunderte alten Scharmützel, das normalerweise unter älteren Männern ausgetragen wird.


Britische und spanische ältere Männer, um genau zu sein. Denn seit 1704 zur Mittagszeit eine englisch-holländische Flotte an der Küste von Gibraltar landete und die kleine Halbinsel eroberte, während die Spanier Siesta hielten, warten diese verbissen wie ohnmächtig auf ihre Vergeltung. Die Sieger amüsieren sich derweil damit, sämtliche Versuche ins Leere laufen zu lassen.


Der Brexit ist nun unverhofftes Glück für die Spanier, erneut auf ihr ehemaliges, nur 6,5 Quadratkilometer großes Territorium zu bestehen, mindestens auf geteilte Souveränität. Die EU hat der spanischen Regierung bei den Austrittsverhandlungen ein Vetorecht für alle gibraltarischen Fragen zugesprochen: "Wenn das Vereinigte Königreich die Union verlässt, darf sich kein Abkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich auf das Territorium Gibraltars beziehen ohne Einigung zwischen dem Königreich Spanien und dem Vereinigten Königreich."

Plötzlich hat Spanien damit mehr in der Hand als das übliche Argument, dass Gibraltar laut der Vereinten Nationen eine aufzulösende Kolonie sei. Das war bisher ein schwacher Trumpf, denn die UN haben andere Probleme und betrachten den Status des von gut 30.000 Menschen und einer Kolonie handzahmer Affen bewohnten Gebiets als bilaterales Problem, für das die beiden betroffenen Staaten bitte selbstständig eine Lösung finden sollen. So mussten sich die Spanier wie jüngst auch wieder darauf beschränken, Militärschiffe vor Gibraltar kreuzen zu lassen und so arglos wie möglich zu behaupten, im 1713 unterzeichneten Vertrag von Utrecht sei von britischen Hoheitsgewässern keine Rede. Auch strenge Grenzkontrollen sind ein beliebtes Mittel. Erst vorige Woche kam es Richtung Spanien wieder zu langen Staus, was nicht nur Pendler behinderte, sondern auch die vielen Tausend Touristen, von denen Gibraltar lebt.

Erinnerungen an Franco

In der Enklave mit seinen typisch britischen Telefonzellen und Briefkästen, mit Läden von Marks & Spencer und Kiosken, wo Fish and Chips verkauft werden, geht seither die Angst um, die Geschichte könne sich wiederholen. 1969 hatte Diktator Francisco Franco die Landgrenze geschlossen. Bewohner und Händler konnten die Enklave nur noch über das Meer oder auf dem Luftweg erreichen. Die Blockade hielt bis 1985 an, als Brüssel in den EU-Beitrittsverhandlungen mit Spanien verlangte, die Tore wieder zu öffnen.

"Juristisch gibt es keinen Zweifel daran, dass Spanien nach einem Austritt Großbritanniens aus der EU erneut das Recht erhält, die Übergänge zu kontrollieren oder sogar zu schließen," sagt Paz Andrés Sáenz de Santa María, Professorin für internationales öffentliches Recht an der Universität von Oviedo. Zudem könne Madrid Beschränkungen verfügen, für das Aufenthaltsrecht, Immobilieneigentum, gewerblichen Handel oder Arbeitserlaubnisse für gibraltarische Bürger auf spanischem Boden. Insbesondere für die Onlinewettbüros auf Gibraltar könnte es schwierig werden, wenn sie keine Lizenz mehr in Spanien bekommen. Die mehr als 30 in Gibraltar registrierten Unternehmen kontrollieren 60 Prozent des weltweiten Wettgeschäfts und machen Milliardenumsätze.

Gibraltarer wollen Britisch bleiben

"Die Bürger von Gibraltar werden mit der bitteren Wahrheit konfrontiert werden, dass sie in einem Drittstaat leben, mit allen Nachteilen, die das mit sich bringt, und ohne die heutigen Vorteile", sagt Professorin Sáenz de Santa María. Das war ihnen wohl bewusst, als sie sich beim Brexit-Referendum zu 96 Prozent für einen Verbleib in der EU aussprachen. Nirgendwo sonst gab es so viele Befürworter für einen Verbleib wie auf Gibraltar. Zu Spanien wollen sie aber auch nicht gehören: In zwei Abstimmungen der vergangenen Jahre sprachen sie sich entschieden dagegen aus. 

Allerdings hat die spanische Regierung auch kein Interesse daran, ihre eigenen Bürger zu benachteiligen. Mehr als 10.000 von ihnen pendeln täglich zur Arbeit nach Gibraltar. Zumal die andalusische Provinz Cádiz eine der höchsten Arbeitslosenquoten des Landes hat.

"Wir wollen weder die Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich behindern noch die mit der Bevölkerung von Gibraltar", gibt sich Außenminister Alfonso Dastis deshalb ein wenig versöhnlich. Sein Vorgänger habe den Briten bereits im vergangenen September ein "großzügiges Angebot der Co-Souveränität überbracht". Wohl wissend, dass Spanien die Möglichkeit hat, die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU wegen dieses Themas platzen zu lassen. Wenn Großbritannien allgemein und Gibraltar speziell enge Beziehungen zur EU aufrechterhalten will, geht das nur mit dem Einverständnis von Madrid.

Nach Überzeugung von Jesús Verdú Baeza, Juraprofessor an der Universität von Cádiz, lassen die Politiker in Madrid die Briten derzeit absichtlich im Unklaren über ihre Absichten. "Es gibt keine wirklich definierte Politik zu Gibraltar. Ein Großteil der politischen Klasse Spaniens betrachtet Gibraltar als Feind und ist der Überzeugung, dass man das Territorium zurückerlangen muss. Das ist ein großer Fehler."

So wird die Zukunft von nicht einmal sieben Quadratkilometern womöglich die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU noch ein Stückchen komplizierter machen, als sie sowieso schon sind.