Die Regierung von US-Präsident Donald Trump erwägt mögliche Militäreinsätze gegen die Streitkräfte des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Das berichten sowohl das Wall Street Journal und weitere US-Medien als auch die Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP). Diese zitiert einen US-Regierungsmitarbeiter mit der Aussage, Verteidigungsminister James Mattis habe dem Präsidenten auf dessen Wunsch hin mehrere Optionen präsentiert, um auf die mutmaßliche Chemiewaffenattacke zu reagieren. Dazu gehörten auch Luftangriffe, die die syrische Luftwaffe dazu zwingen sollen, am Boden zu bleiben.

Angela Merkel - "Ausbleibende UN-Resolution ist eine Schande" Die Bundeskanzlerin hat den Giftgasangriff in Syrien verurteilt. Die Bundesregierung müsse alles unternehmen, um die Ursachen aufzuklären, sagte sie. © Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Demnach seien aber noch keine Entscheidungen über das Vorgehen getroffen worden. Das Wall Street Journal berichtete unter Berufung auf Quellen im Pentagon, dass zwischen dem Weißen Haus und dem Verteidigungsministerium noch Gespräche darüber liefen.

"Das ist eine ernste Angelegenheit, sie erfordert eine ernste Antwort", sagte US-Außenminister Rex Tillerson zu den Berichten über mögliche militärische Optionen der USA in Syrien. Ihm zufolge wollen die USA eine internationale Koalition zur Ablösung Assads formen. "Diese Schritte sind auf den Weg gebracht", sagte Tillerson. Es bedürfe einer Anstrengung der internationalen Gemeinschaft. Es gebe nach den vorliegenden Informationen keinen Zweifel, dass Assads Regierung für den Angriff in Idlib verantwortlich sei.

Die russische Regierung, die eine Syrien-Resolution im UN-Sicherheitsrat verhindert hatte, forderte Tillerson auf, seine Position zu Assad zu überdenken. Wie am Donnerstag bekannt wurde, wird der US-Außenminister am kommenden Dienstag zu seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow nach Moskau fliegen. Beobachter erwarten, dass er dort mit Lawrow und möglicherweise auch mit Präsident Putin über Syrien spricht. Russland ist der wichtigste Verbündete Assads und stellte sich als einziges Land auch im Fall des Giftgasangriffs hinter das syrische Regime.

UN-Sicherheitsrat unternimmt zweiten Anlauf

Unterdessen unternimmt der UN-Sicherheitsrat nach Angaben aus westlichen Diplomatenkreisen einen zweiten Anlauf, um doch noch eine Syrien-Resolution zu verabschieden. Nach UN-Informationen soll die Sitzung noch am Donnerstag (Ortszeit) stattfinden. Mit der zweiseitigen Resolution, die von Frankreich, Großbritannien und den USA eingebracht worden war, soll der mutmaßliche Giftgasangriff vom Dienstag scharf verurteilt und eine rasche Aufklärung gefordert werden. Sanktionen sieht sie nicht vor.

Die EU fordert angesichts des angedrohten Eingreifens der USA eine unabhängige Untersuchung und Verurteilung der Geschehnisse. "Die EU drängt den UN-Sicherheitsrat, zusammenzutreten, den Angriff auf Chan Scheichun scharf zu verurteilen und eine rasche, unabhängige und unparteiische Untersuchung des Angriffs sicherzustellen", sagte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini am Donnerstagabend in Brüssel.

Mogherini erinnerte daran, dass die syrische Regierung nach UN-Erkenntnissen in der Vergangenheit bereits Chemiewaffen eingesetzt habe. "Der Einsatz chemischer Waffen oder chemischer Substanzen als Waffen stellt ein Kriegsverbrechen dar", sagte Mogherini. Ihr Gebrauch durch die Führung des Landes und die IS-Terrormiliz müsse aufhören und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Insbesondere Russland als Verbündeter Syriens müsse seinen Einfluss zum Schutz der Bevölkerung geltend machen.

Trump fordert Assad zum Rücktritt auf

Bereits am Mittwoch hatte der US-Präsident gesagt, mit dem Angriff seien für ihn "eine Menge Linien" überschritten worden. Auch seine Ansicht zu Assad habe sich dadurch "sehr geändert". Trump sagte indes nicht, wie eine Antwort der USA aussehen könnte. Er deutete militärische Schritte lediglich an und sagte, es sei Teil seiner Politik, solche im Voraus nicht zu verraten, sollte es sie denn geben.

Einen Tag später wiederholte er seine Drohungen Richtung Assad. Dieser sei eine "Schande für die Menschheit", er müsse zurücktreten. "Was Assad getan hat, ist furchtbar", sagte der Präsident an Bord der Air Force One. "Ich denke, er ist der, der die Dinge verantwortet, und ich denke, es sollte etwas passieren." Allerdings ging Trump auch diesmal nicht auf Fragen ein, welche konkreten Schritte er in der Syrien-Politik unternehmen wolle. "Was in Syrien passiert, ist wahrlich eines der ungeheuerlichen Verbrechen und das sollte nicht passieren. Und es sollte ihm nicht ermöglicht werden." Vielleicht werde er mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Lage in Syrien sprechen.

Erdoğan drängt Trump zum Handeln

Der türkische Präsident forderte die USA auf, gegen Assad durchzugreifen. Trump habe gesagt, die Welt könne die Augen vor den Taten der syrischen Regierung nicht verschließen, sagte Recep Tayyip Erdoğan dem Fernsehsender Kanal 7. "Danke schön, aber beschränkt euch nicht auf Kommentare, wir brauchen Taten." Auch die Türkei sei bereit, Verantwortung zu übernehmen, wenn es Konsequenzen für Assad gebe. "Wir werden nicht zurückweichen."

Die Gefahr eines Eingreifens liegt darin, dass Syriens Verbündeter Russland Truppen und Ausrüstung auf den meisten Militärstützpunkten im Land untergebracht hat. Die USA würden somit auch einen Krieg mit Russland beginnen.

Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte der Nachrichtenagentur AP, die russische Unterstützung für Assad sei "nicht bedingungslos". Russland bestehe aber auf einer vollständigen Untersuchung des Vorfalls. "Es ist nicht korrekt, zu sagen, Moskau kann Assad von allem überzeugen, was Moskau will. Das ist absolut falsch."

Bei dem Angriff auf die von Rebellen kontrollierte Kleinstadt waren nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens 86 Menschen getötet worden, mehr als 500 weitere sollen verletzt worden sein. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums haben syrische Kampfflugzeuge ein Chemiewaffenlager der Rebellen getroffen. Die Opposition bestreitet das und macht das Regime verantwortlich, einen gezielten Giftgasangriff auf die Stadt geflogen zu haben.

Die türkische Regierung teilte mit, dass die Obduktion von drei in die Türkei gebrachten Syrern ergeben hätte, dass eine Chemiewaffe eingesetzt worden sei. Fast 60 Opfer der Attacke seien zur Behandlung ins Land gebracht worden, drei davon starben.