Perfides Albion. Splendid isolation. Leichnam EU. I want my money back. Globale Nation. Seitdem die Briten am 29. März in Brüssel ihren Antrag auf Austritt aus der Europäischen Union gestellt haben, blüht der Gebrauch von Metaphern – alten wie neuen. Der Scheidungsbrief Theresa Mays markierte den Anfang vom Ende einer 44 Jahre lang andauernden Beziehung.

Für den früheren Ukip-Chef, Nigel Farage, den Initiator des Brexits, war der 29. März "a big happy day". Für mich war es der düsterste Tag der europäischen Nachkriegsgeschichte. Wobei ich gern einräume, dass meine Haltung zur Mitgliedschaft Großbritanniens im Lauf der Jahre manchen Schwankungen unterworfen war.

Im Juli 1971 – damals war ich stellvertretender Chefredakteur der ZEIT – schrieb ich einen Leitartikel über den englischen Beitritt. Ich schrieb ihn in der ungewöhnlichen Form eines Briefes an den jungen konservativen Abgeordneten Timothy Raison, einen Studienfreund aus Harvard. Ich wusste, er stand dem Eintritt in die damalige EWG skeptisch gegenüber. Vor dem entscheidenden Unterhausvotum wollte ich aber doch noch einmal an ihn appellieren. "Lieber Tim!", schrieb ich, "ich beschwöre Sie: werfen Sie Ihr Herz über die Hürde!"

Ich hatte keine Illusionen über die Europabegeisterung der Engländer. Gewiss, Winston Churchill hatte 1946 in einer berühmten Rede an der Universität Zürich gesagt: "Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa schaffen." Frankreich und Deutschland müssten dabei die Führung übernehmen. Was aber stets übersehen wird: Den Platz Großbritanniens sah er nicht in diesem von ihm skizzierten neuen Europa, nur dessen "Freund und Förderer" wollte er sein. Ganz in diesem Sinne hatte er schon 1930 formuliert, das Vereinigte Königreich sei "with Europe but not of it, linked but not comprised".

Die britischen Kritiker haben recht behalten

So sah es auch der britische Diplomat Russell Bretherton, der London bei den Verhandlungen über die Römischen Verträge vertrat. Sein hochmütiger Satz ist in die Geschichtsbücher eingegangen: "Der Vertrag, den Sie diskutieren, hat keine Chance, Zustimmung zu finden; wenn doch, hätte er keine Chance, ratifiziert zu werden; wenn er ratifiziert würde, hätte er keine Chance, umgesetzt zu werden; und wenn er umgesetzt würde, wäre er für Britannien ganz und gar unakzeptabel." Aber nach 44 Jahren, so sieht es aus, hat Bretherton recht behalten.

Drei Gründe für eine britische Mitgliedschaft führte ich in meinem Brief an Timothy Raison auf. Erstens: Nur wenn England beitritt, wird die EWG aus der ständigen Konfrontationsgefahr zwischen Frankreich und der Bundesrepublik erlöst. Zweitens: Als größter Handelsblock könnte die erweiterte Gemeinschaft ihre Verantwortung für die Entwicklung des freien Welthandels ganz anders vertreten. Drittens: Das Europa der Sechs sei zu klein; allein mit England verlohne es sich, seine Rolle in der Welt, seine Interessen und seine Aufgaben neu zu definieren, ohne der Lächerlichkeit, der Hybris oder der Peinlichkeit des Scheiterns anheim zu fallen.

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