Als Theresa May am Dienstagmittag an das Pult vor ihrem Amtssitz in der 10 Downing Street trat, hatte sich die britische Presse schon mit Spekulationen überschlagen. Das Büro der Premierministerin hatte am Morgen überraschend eine Ansprache Mays angekündigt. Solche Ansprachen gibt es eigentlich nur, wenn etwas Bedeutendes ansteht.

Würde es um Nordkorea gehen? Um Syrien? Würde sie gar zurücktreten? Kurz vor Mittag verdichtete sich, dass May wohl vorgezogene Neuwahlen ankündigt. Das Pult, das in der Downing Street stand, trug nicht das schwarze Wappen des Premierministers: ein Zeichen dafür, dass es um Parteipolitik gehen wird, nicht um Regierungsgeschäfte. Es sollte sich als richtig herausstellen: "Ich habe gerade ein Kabinettstreffen geleitet, bei dem wir beschlossen haben, dass die Regierung Parlamentswahlen ausrufen soll, die am 8. Juni abgehalten werden sollen", sagte May vor den Kameras.

Nach dem EU-Referendum im vergangenen Sommer habe Großbritannien "Sicherheit, Stabilität und eine starke Führung gebraucht", so May. "Seit ich Premierministerin geworden bin, hat die Regierung genau das geliefert." Dem Land gehe es, allen Warnungen zum Trotz, gut. Sie sei dem "Mandat", den EU-Austritt in die Wege zu leiten, gefolgt. "Großbritannien verlässt die Europäische Union, und es kann keine Umkehr geben." Die Regierung habe "den richtigen Plan, um die Beziehungen mit Europa auszuhandeln". Großbritannien werde "seinen eigenen Weg in der Welt" einschlagen.

Doch in Westminster gebe es Uneinigkeit, sagte May. Andere politische Parteien wetterten gegen den eingeschlagenen Brexit-Kurs ihrer Regierung. Labour habe "gedroht", gegen das endgültige Abkommen mit der EU zu stimmen, fügte May hinzu. Die Liberaldemokraten – entschiedene EU-Befürworter – hätten erklärt, sie wollten den Politikbetrieb des Landes "zum Stillstand bringen" und auch die schottischen Nationalisten hätten sich gegen den Brexit ausgesprochen. "Und ungewählte Mitglieder des Oberhauses haben geschworen, sie würden uns bei jedem unserer Schritte bekämpfen."

Camerons Erbschaft

Tatsächlich ist auch Mays Regierung nie bei einer Parlamentswahl bestätigt worden. Sie hat den Posten des Premiers im vergangenen Juli nach einer kurzen Schlammschlacht bei den Tories von David Cameron geerbt. Der hatte nach dem EU-Referendum das Handtuch geworfen. Aufrufe, ihren Posten und ihren Brexit-Kurs – der im Lauf der Monate immer drastischere Züge angenommen hat – durch vorgezogene Parlamentswahlen bestätigen zu lassen, hat May bislang ignoriert. Doch der offensichtliche Makel, für ihren Kurs kein wirklich demokratisches Mandat zu haben, scheint sie doch so sehr gestört zu haben, dass sie jetzt Parlamentswahlen abhalten möchte.

Bei der Entscheidung dürfte es geholfen haben, dass die regierenden Tories in den vergangenen Monaten in Umfragen massiv zugelegt haben. Einer Umfrage im Auftrag der Londoner Times zufolge, die Anfang der Woche veröffentlicht worden ist, würden derzeit 44 Prozent der Wähler ihre Stimme Mays Konservativer Partei geben. Labour, die wichtigste Oppositionspartei, liegt weit abgeschlagen bei 23 Prozent. Die Liberaldemokraten bekämen 12 Prozent der Stimmen, die Rechtspopulisten von Ukip 10 Prozent. Das wäre der größte Vorsprung in über drei Jahrzehnten. In einer vom Guardian in Auftrag gegebenen Umfrage hatten die Tories einen Vorsprung von immerhin noch 18 Prozent.

Während sich die Tories nach den Streitigkeiten im Anschluss an das EU-Referendum wieder relativ schnell gefangen haben, war Labour noch monatelang in einem Führungsstreit gefangen. Deren Parteichef Jeremy Corbyn, der aus diesem Streit als Sieger hervorgegangen ist, ist um seinen Job aber auch nicht zu beneiden. Zwar haben beim EU-Referendum beinahe zwei Drittel aller Labour-Wähler für einen Verbleib in der EU gestimmt. In der Mehrzahl der Labour-Wahlkreise setzten sich jedoch die Brexit-Befürworter durch, und das vor allem im traditionellen Labour-Kernland in Nordengland. Da sich, bis auf wenige Ausnahmen, beinahe alle Labour-Abgeordneten für einen Verbleib in der EU ausgesprochen hatten, liefen Labour nach dem Brexit-Votum zunächst die Brexit-Unterstützer davon.

Nun verliert Labour zahlreiche Befürworter eines Verbleibs in der EU: Die Partei vertritt nun die Position, dass sie sich dem Ausgang des EU-Referendums nicht in den Weg stellen möchte. Die Labour-Spitze fordert von der Regierung lediglich Zugeständnisse, etwa beim Zugang zum Europäischen Binnenmarkt. Im Parlament ist sie kürzlich mit ihren diesbezüglichen Vorstößen jedoch durchweg gescheitert.