Schahab* hat einen Brief von der iranischen Militärbehörde bekommen. Er sitzt am Tresen eines Cafés in der Teheraner Innenstadt und zieht nervös an seinem Vollbart, den er selbstbewusst zu einer Glatze und einem engen schwarzen T-Shirt trägt. "Ich muss wohl bald meinen Ohrring ablegen", scherzt er über seinen so ganz "unislamischen Look", wie er sich selbst beschreibt. Bald heißt es für ihn: keine Mode-Accessoires, kein selbstbestimmtes Leben und keine unbeschwerte Zeit mehr im Café.  

Der Mittzwanziger hat in den vergangenen fünf Jahren versucht, sich vor dem 24-monatigen, obligatorischen Militärdienst in seinem Land zu drücken. Mal hat er sich ein ärztliches Attest organisiert, Meldefristen nicht eingehalten, wichtige Klausuren als Grund angegeben, nicht zur Waffe greifen zu müssen. Jetzt bleiben ihm keine Ausreden mehr. Millionen junger Männer weltweit können ohne Zweifel gut nachvollziehen, wie sich Schahab gefühlt haben muss, "die Pflicht" immer weiter vor sich herzuschieben. Doch im Iran bringt der Militärdienst seit fünf Jahren ganz andere Konsequenzen mit sich.

Im Brief steht, dass sich Schahab in drei Wochen in einer Kaserne melden soll – über sein Einsatzgebiet werde er beim Antritt seines Militärdienstes informiert. Das Problem: Schahab ist ein kräftiger junger Mann, groß gewachsen und sportlich. "Die schicken mich bestimmt ins Ausland!" Er zupft wieder nervös an seinem Vollbart. Er habe schon darüber nachgedacht, sich selbst zu verletzen. Aber er habe es nicht übers Herz gebracht, sich etwas anzutun. "Ich möchte wirklich keine Kinder in Syrien töten, aber ich werde es wohl machen müssen", sagt er. Es ist das einzige Mal während des ganzen Gesprächs, dass Schahab Syrien beim Namen nennt. Sonst spricht er immer nur vom "Ausland".

Manche melden sich trotzdem freiwillig

Schon früh schickten die Machthaber der islamischen Republik Soldaten, Söldner und Milizen nach Syrien, um den Verbündeten Baschar al-Assad bei seinem "Krieg gegen Terror" zu unterstützen. Alle Oppositionellen sind für das syrische Regime, wie auch für seine iranischen, libanesischen und russischen Koalitionäre, schlicht Terroristen – egal welchen politischen Hintergrund sie mitbringen. In iranischen Medien werden gemäßigte Assad-Gegner und ihre Unterstützer in der Zivilbevölkerung konsequent Terroristen, Feinde und Verräter genannt. So landen alle, die gegen Assad sind, in einer Schublade.

Weil der sogenannte "Islamische Staat" auch im Iran als existenzielle Bedrohung wahrgenommen wird, haben sich viele junge Iraner freiwillig für den Dienst an der Waffe gemeldet. Verlässliche Statistiken, wie viele iranische Soldaten und Söldner in Syrien tatsächlich kämpfen, gibt es nicht. Schätzungen von Beobachtern gehen von einigen Zehntausend Kämpfern aus. Fotos und Videos von Gefechten zeigen aber täglich: Der Krieg in Syrien ist auch ein iranischer Krieg. Bis November 2016 wurden laut einer iranischen Organisation, die sich um die Angehörigen gefallener Soldaten kümmert, mehr als 1.000 Iraner in Syrien bei Gefechten getötet, unzählige verwundet, die meisten Rückkehrer aus dem Kriegsgebiet sind traumatisiert.  

"Ich weiß, dass dieser Krieg grausam ist"

Überall in Teheran trifft man auf junge Soldaten im öffentlichen Raum. Einige von ihnen machen einen müden, nachdenklichen Eindruck. Ihre Namen sind auf die Brusttaschen ihrer Uniformen gestickt: Reza und Mohammed, Ali und Ahmed, Navid und Mahmood. Sie sitzen manchmal neben den vielen Märtyrer-Plakaten in der Stadt, die die Kriegshelden der Vergangenheit preisen und ihnen für ihre aktuelle Mission zur "Verteidigung des heiligen Schreins der Schiiten" Mut machen sollen.

Mut, der in Schahab nicht aufkommen will. Die Verbannung sozialer Medien und einiger Nachrichtenseiten aus Europa und den USA kann man im Iran durch die Installation einer einzigen App umgehen. Mit dem kostenlosen VPN-Client erscheinen auch andere Bilder auf persischen Bildschirmen. Schahab kennt die Meldungen über belagerte Städte, Videos von vergasten Kindern und durch Fassbomben zerstörte Stadtteile laufen auf seinem Handy. "Ich sehe, was in Aleppo und Homs und Idlib passiert, und denke mir: Was soll das? Ich weiß, dass dieser Krieg grausam ist und dass wir Iraner da sehr sehr tief drin stecken."

Schahab ist der festen Überzeugung, dass ihn die Generäle demnächst in eines der blutigsten und tödlichsten Kriegsgebiete in der jüngsten Menschheitsgeschichte schicken werden. Er wolle aber auch kein Verräter sein, das ist ihm wichtig, das sagt er mehrfach. Doch es falle ihm schwer, den Sinn dieses Krieges in diesen Ausmaßen zu erkennen. "Iranischer Märtyrerkult: schön und gut. Aber wenn ich nicht weiß, wofür ich sterben und andere Menschen töten soll, fällt es mir schwer, mich auf meine Pflicht zu freuen." 

* Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert