Lizzie Doron träumt von einer Staatsbürgerschaft im "Land der Täter". Die israelische Schriftstellerin hätte gerne einen deutschen Reisepass, um ihre palästinensischen Freunde im Westjordanland besuchen zu können. Mit dem Papier dürfte sie in Gebiete unter palästinensischer Kontrolle fahren, in die sogenannte Zone A, die für Israelis verboten ist. Zu gefährlich, lautet die offizielle Begründung für das Verbot.

Einmal hat es Doron dennoch gewagt. Ohne Genehmigung. Sie vertraute auf den Schutz von Palästinensern, die früher israelische Soldaten mit Messern angegriffen und mit Steinen und Molotowcocktails attackiert haben.

Dass Palästinenser eine Israelin bewachen, klingt paradox in einem Land, in dem die Menschen nach 50-jähriger Besatzungszeit noch immer keinen Frieden miteinander gefunden haben. Dorons Beschützer sind Teil einer kleinen Bewegung, der Combatants for Peace, die einen Dialog auf Augenhöhe versuchen: Ehemalige palästinensische Terroristen und frühere israelische Soldaten gehen aufeinander zu, um gewaltfrei ein Ende der israelischen Besatzung zu fordern – und einen Stopp des Siedlungsbaus. Für diese Menschen interessiert sich Doron. Sie hat ein Buch* über die Gruppe geschrieben, die unlängst für den Friedensnobelpreis nominiert worden ist.

Worte statt Gewalt

Da ist zum Beispiel Mohamad Owedah, der ein Fahrzeug der israelischen Armee in Brand setzte, in dem Soldaten saßen. Damals war er 13 Jahre alt und lebte mit seiner Familie im palästinensischen Silwan, einem Stadtteil Ost-Jerusalems, den die Israelis 1967 besetzten. Seit Jahren liegt auf dem Haus der Owedahs eine demolition order, eine militärische Anweisung, das Gebäude zu zerstören. Mohamad Owedah griff zu Molotowcocktails, um seine Familie zu schützen. Das jedenfalls ist seine Sicht auf die Dinge. Wenn er heute davon erzählt, wirkt er ruhig und abgeklärt. Es ist Vergangenheit. Seine Waffe ist jetzt, von dieser persönlichen Geschichte zu erzählen, von Gewalt, Verlusten, Zweifeln.

So ist es auch bei Chen Alon, einem ehemaligen Major der israelischen Armee. Auch er sieht sich als Täter. Als einer, der Befehle im Besatzungsgebiet ausführte und dabei, wie er sagt, Menschen brutal schikanierte. Und der sich schließlich für einen anderen Weg entschied.

Mit diesen und vielen anderen Friedenskämpfern führte Lizzie Doron lange Gespräche, um den Ursprung der Gewalt zu ergründen. Das war auch für sie belastend. Was, wenn sich herausstellen sollte, dass ein Freund der Dorons von einem der palästinensischen Gesprächspartner verletzt oder gar getötet wurde? Es war eine schmerzhafte Annäherung, die Doron als "Sadomaso-Begegnung" beschreibt: "Es wäre einfacher gewesen, wegzulaufen. Aber ich habe immer weitergemacht, weil ich endlich hinter den Vorhang blicken wollte", sagt die Schriftstellerin. In diesem Moment blitzen ihre Augen hinter einer poppigen Brille auf und halten jedem fragenden Blick stand.

Doron ist in Israel eine bekannte Schriftstellerin. Sie könnte ein bequemes Leben führen. Mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Unternehmer, wohnt sie im teuren Norden Tel Avivs, Pförtner und Meerblick inklusive. Ihre bisherigen Bücher beschreiben die persönliche Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte im Holocaust. Das immer wiederkehrende Thema: die zweite Generation. Doron ist Tochter einer Überlebenden, die nach Israel auswanderte. Sie wurde hier geboren. Auch deshalb will sie jetzt den Palästinensern zuhören, den Feinden Israels: "Als Tochter einer Holocaustüberlebenden kann ich mich in ihre Situation hineinfühlen. Sie sind unterdrückt und werden dämonisiert." Doron sieht sich als ein Echo.