Jared Kushner muss sich einiges an Spott gefallen lassen in den vergangenen Tagen. "Warum", schrieb etwa der New-York-Times-Kolumnist Frank Bruni anlässlich Kushners diplomatischer Mission im Irak, "wirft er sich nicht einfach ein rotes Cape über und näht sich ein großes S auf die Brust: SuperJared ist im Anflug!" 

In die gleiche Kerbe schlug die Politwebsite Vox, als sie sich ausmalte, wie ein Tagesablauf von Kushner aussieht. Zu den Terminen gehörte: "11.30–13 Uhr – Power Lunch, um den jahrzehntealten Konflikt um Palästina beizulegen." Und weiter: "16.45–18 Uhr: Die nationale Heroin-Epidemie beseitigen, die Regierung verschlanken und vielleicht ein bisschen Außenhandelskram erledigen."

Die Satiren haben einen überaus ernsten Hintergrund. Donald Trumps Schwiegersohn hat derzeit eine Macht- und Aufgabenfülle, welche die Grenze zum Absurden deutlich überschreitet. Der 36-Jährige soll tatsächlich als Sonderbeauftragter Frieden im Nahen Osten schaffen, einen Frieden, den Trump der Welt beim Zusammentreffen mit Benjamin Netanjahu als "einen besseren Frieden, als ihr euch das je vorstellen könnt" ankündigte.

Nebenbei soll Kushner als Leiter des neugeschaffenen Amtes für amerikanische Innovation sämtliche Regierungsbürokratien nach Maßgaben aus dem Wirtschaftsleben umgestalten. Zwischendurch kümmert er sich dann noch um die Handelsbeziehungen zu China, Kanada und Mexiko. "Jared Kushner ist jetzt für absolut alles verantwortlich", titelte sarkastisch die Huffington Post.

Eine Machtverschiebung im West Wing

Kushners Machtposition im Weißen Haus ist in den vergangenen Wochen stetig angewachsen – just in dem Zeitraum, in dem der Einfluss von Trumps Chefstrategen Steve Bannon drastisch zu schrumpfen schien. Während Kushner atemlos zwischen Bagdad, Washington und Mar-a-Lago hin- und herjettete, musste der einst als dunkler Prinz der Trump-Regierung gehandelte Ideologe Bannon erdulden, in nationalen Sicherheitsfragen in die zweite Reihe gestellt zu werden. Bannons Rauswurf aus dem Sicherheitsrat war eine Ohrfeige für den Mann, der vor Kushner als Drahtzieher Nummer eins im Weißen Haus galt. Bannon, so berichtete die New York Times, habe darüber sogar kurzfristig in Erwägung gezogen, ganz aus der Regierung auszusteigen.

Hinter den Kulissen des West Wing hat eindeutig eine Machtverschiebung stattgefunden. Schon der Raketenangriff auf das Assad-Regime, den Bannon nicht goutiert hatte, wird als Symptom der neuen Verhältnisse gesehen. Die Kushner-Fraktion, vertreten nicht zuletzt durch Kushners Wahl von Dina Powell zur neuen Sicherheitsberaterin, scheint weniger zynisch und weniger streng von Amerikas manifestem Eigeninteresse gelenkt. Im Krieg zwischen Bannons Nationalisten im Weißen Haus und den sogenannten Demokraten im West Wing, so berichtete eine Regierungsquelle dem Nachrichtenportal Politico, seien die Letzteren dabei, die Oberhand zu gewinnen.

Nun fragt man sich allerorten, was hinter dem plötzlichen Ruck in der Trump-Kamarilla steckt. Das Nachrichtenportal des ehemaligen Washington-Post-Analysten Ezra Klein, Vox, hat dazu eine Theorie. Im Weißen Haus, so Vox, gebe es drei Fraktionen: Die Nationalisten um Bannon, das republikanische Establishment rund um den Stabschef Reince Priebus und die Familie. Je mehr Trump unter Druck der Medien und der Öffentlichkeit gerate, so Vox, desto mehr ziehe er sich auf die Familie zurück. Und die wird durch niemanden so klar verkörpert, wie durch Kushner.

Die Ermächtigung Kushners dürfte jedoch ihre tieferen Wurzeln, wie so vieles in dieser Regierung, in einer empfundenen Kränkung Trumps haben. Laut der New York Times haben Trump die Medienberichte, dass er nur eine Marionette Bannons sei, mächtig geärgert. Die Entmachtung Bannons, der es über Robert Mercer, den ultrarechten Kampagnenfinanzier Trumps, bis ins Weiße Haus geschafft hatte, war die zwangsläufige Folge.