Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat Deutschland gegen die Kritik der US-Regierung in Schutz genommen, sich finanziell nicht ausreichend am Verteidigungshaushalt der Nato zu beteiligen. Deutschland habe begonnen, "seine Verteidigungsausgaben zu erhöhen", sagte Stoltenberg dem Handelsblatt. Inzwischen übernehme Deutschland Verantwortung für die transatlantische Sicherheit.

Außerdem sei es nicht leicht, das Ziel der Nato-Länder zu erreichen, so Stoltenberg. Dieses sieht vor, mindestens zwei Prozent des eigenen Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die Verteidigung auszugeben. Allein in diesem Jahr sei Deutschlands Budget dafür um acht Prozent gestiegen, "aber wir erwarten ja auch nicht, dass Deutschland in ein oder zwei Jahren so weit ist", sagte Stoltenberg.

Deutschland sollte laut Stoltenberg die Verteidigungsausgaben jedoch nicht für einen Bündnispartner, sondern aus Eigeninteresse erhöhen. "Es geht nicht darum, die Vereinigten Staaten zufriedenzustellen. Es geht um Europas Sicherheit", sagte der 58-Jährige. Europa sei viel näher an den Krisen und Bedrohungen als die USA. Als Beispiele führte Stoltenberg Russland, Syrien und den Irak an.

Nato - Bröckelt das Bündnis? Donald Trumps Haltung zur Nato löst sicherheitspolitische Diskussionen aus. Brauchen Deutschland und die EU mehr Unabhängigkeit von den USA? Antworten im Video © Foto: ZEIT ONLINE

US-Präsident Donald Trump hatte im Wahlkampf mehrfach betont, dass die USA von ihren Bündnispartnern erwarten, sich am Verteidigungshaushalt der Nato künftig stärker zu beteiligen. Nach dem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im März twitterte Trump: "Ich hatte ein großartiges Treffer mit der Kanzlerin Merkel. Nichtsdestotrotz schuldet Deutschland der Nato große Geldsummen." Die USA müssen für "die mächtige und sehr teure Verteidigung Deutschlands" bezahlt werden.

Deutschland gibt derzeit 1,2 Prozent der eigenen Wirtschaftsleistung für Verteidigung aus. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) pflichtet dem Zwei-Prozent-Ziel bei. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) hingegen hatte beim jüngsten Treffen mit seinen Nato-Kollegen gesagt, es sei "völlig unrealistisch", dass Deutschland seinen Militärhaushalt fast verdopple.

Türkei bereitet "Sorge", kein Wettrüsten mit Moskau

Trotz wiederholter kritischer Äußerungen von Trump geht Stoltenberg davon aus, dass die USA weiterhin zur Nato stehen werden. Das hätten ihm Trump und Regierungsmitglieder mehrfach versichert. "Sie haben mir gesagt, dass sie an das transatlantische Bündnis glauben", sagte Stoltenberg.

Derzeit werde innerhalb des Militärbündnisses diskutiert, ob man nationale Pläne für alle Mitgliedsstaaten ausarbeiten solle, wie das Zwei-Prozent-Ziel konkret zu erreichen sei. Ob dieser Vorschlag beim kommenden Nato-Gipfel aber schon beschlossen werde, wisse er nicht, sagte Stoltenberg.

Stoltenberg äußerte sich auch zum anhaltenden diplomatischen Konflikt zwischen Deutschland und der Türkei. Die aktuellen Spannungen zwischen dem Nato-Mitglied Türkei einerseits und Deutschland und den Niederlanden andererseits bereiten ihm "Sorgen". Er tue, was er könne, um die Lage zu entspannen. Mit Russland wolle die Allianz keine Konfrontation und kein Wettrüsten. Vielmehr sei Russland ein Nachbar, mit dem man möglichst gut auskommen müsse.