In Kolumbien ist der Friede tödlich. So war es für Rubiela Sánchez und Gerson Acosta: Beide wurden ermordet.

Sánchez war Frauenaktivistin im Ort San Vicente Ferrer in der Provinz Antioquia, berichtet das Portal ¡Pacifista!;sie zog ihre vier Kinder alleine groß und wollte Ortschaftsrätin werden. Sie starb früh an einem Dienstagmorgen. Maskierte Männer brachten sie auf dem Rückweg vom Sammelwagen um, an dem sie die Milch ihrer Kühe abgegeben hatte. Am Folgetag, gegen viertel vor fünf nachmittags, kam der indigene Ratsvorstand Gerson Acosta in Timbío zu Tode, einem Städtchen 570 Kilometer südlich von San Vicente. Sein Mörder erschoss ihn, als er eine Ortsversammlung verließ. Seine Leibwächter konnten Acosta nicht schützen. Die Nachbarn brachten ihn in aller Eile ins Krankenhaus, aber da war er schon tot.

Seit dem 1. Dezember 2016 seien in Kolumbien 32 Aktivisten ermordet worden, schreibt ¡Pacifista! – seit dem Tag also, an dem das Parlament dem Friedensvertrag nach einer langen Hängepartie doch noch zustimmte. Im Schnitt sind das ein bis zwei Mordopfer pro Woche. Unter den Toten sind Gewerkschafter, Frauenrechtlerinnen, indigene Räte, Umweltschützer und Bauernaktivisten; Menschen, die sich für die Rückgabe geraubten Landes einsetzen, gegen den Drogenhandel und illegalen Bergbau, oder schlicht für ein friedliches Miteinander in ihrer Nachbarschaft. In Kolumbien, einem Land mit großer Armut und sozialer Ungerechtigkeit, scheint die Gewalt ausgerechnet jene zu treffen, die daran arbeiten, dass der Friedensprozess für alle eine bessere Zukunft bedeutet.

Wer die Täter sind, bleibt oft unklar. Die Behörden ermitteln, aber sie kommen nur langsam voran. Doch unabhängig von ihren Untersuchungen zeigen die Morde, wie brüchig der Friede ist – und wie groß die Gefahr, dass der Versöhnungsprozess doch wieder in Gewalt endet, so wie vor etwa 30 Jahren schon einmal. In weiten Teilen Kolumbiens sei der bewaffnete Konflikt keineswegs vorüber, sondern existiere wie zuvor, urteilt Amnesty International.

Dabei hatte das Jahr so hoffnungsvoll begonnen. Ende Januar verließen rund 7.000 Guerillakämpfer der Farc den Dschungel und zogen in provisorische Siedlungen, in denen sie unter Aufsicht der Vereinten Nationen ihre Waffen abgeben und Hilfe erhalten sollten für die Rückkehr ins zivile Leben. Es war ein historischer Moment. Doch die Freude darüber hat sich bei vielen verflüchtigt. Die Entwaffnung der Kämpfer kommt langsamer voran als gedacht, Regierung und Farc erfüllen ihre Versprechen nur zögerlich; es gibt das Gerücht, die Guerilla verstecke Waffen für alle Fälle – und die Morde an Aktivisten hören nicht auf. Mancherorts scheint das Land durch den Friedensprozess nicht sicherer zu werden, sondern gefährlicher.

Claims im Drogenschmuggel und illegalen Goldabbau

Dass es so kommen würde, war absehbar. "Seit die Regierung und die Farc begonnen haben, über einen Frieden zu verhandeln, haben die Aggressionen gegen Aktivisten zugenommen", sagt Eduardo Álvarez, der an der Stiftung Ideas para la Paz (FiP) in Bogotá die Forschungen über Dynamik des Konflikts und die Friedensverhandlungen leitet. Als Aggression wertet die FiP Morde, Drohungen, Mordversuche oder gewaltsames Verschwindenlassen. Offenbar nahmen die illegalen Gruppen, die nicht an den Verhandlungen beteiligt waren, den Friedensprozess zum Anlass, ihre Claims für die Zukunft schon einmal abzustecken, sobald klar war, dass die Farc die von ihr beherrschten Gebiete räumen würde.

In manchen Teilen des Landes habe der Rückzug der Guerilla das Niveau der organisierten Gewalt zwar gesenkt, sagt Kyle Johnson, Experte von der Crisis Group in Bogotá. Dort sei der Friede spürbar – aber in anderen Regionen sei die Unsicherheit gestiegen. "Manche Formen der Gewalt gehen im ganzen Land zurück. Die Zahl der Entführungen fällt, zum Beispiel. Die Zahl der Morde insgesamt ebenfalls." Die Zahl der Morde an Aktivisten allerdings nicht.

Schon 2016 wurden in Kolumbien so viele von ihnen umgebracht wie seit Jahren nicht. Je nach Quelle unterscheiden sich die Zahlen, aber die Tendenz bleibt immer gleich. 94 Menschenrechtsaktivisten seien 2016 getötet worden, teilt die Bauernorganisation Garantías y Derechos Humanos de Cumbre Agraria mit. Die Vereinten Nationen prüften im vergangenen Jahr 127 Morde, die ihnen angezeigt wurden, und kamen zu dem Schluss, dass mehr als 60 der Opfer Aktivisten waren. Die meisten wurden in Regionen umgebracht, die damals noch von der Farc kontrolliert wurden und in denen es viel Schattenwirtschaft gibt – beispielsweise die Kokainproduktion oder der illegale Abbau von Gold.

Zum Beispiel im Department Cauca. Dort registrierten die Vereinten Nationen im vergangenen Jahr so viele ermordete líderes sociales, soziale Anführer, wie sonst nirgends im Land. FiP-Gewaltforscher Álvarez sagt, die Aggressionen gegen die Aktivisten sollten jene Personen zum Schweigen bringen, die sich gegen den Anbau von Koka einsetzen, oder die gegen den Drogenschmuggel oder den illegalen Bergbau mit seinen ökologischen Folgen protestierten.

Wer dahinter stecke, lasse sich nur schwer herausfinden. Die ELN, eine kleinere Guerilla als die Farc, mit der die Regierung noch keinen Frieden geschlossen hat? Abweichler der Farc, die sich als ELN-Kämpfer ausgeben? Drogenschmuggler, Paramilitärs? Alles ist denkbar. "Vier mögliche Motive lassen sich identifizieren", sagt Álvarez: "Anschläge gegen jene, die Koka und Marihuana durch legale Pflanzen ersetzen wollen. Racheakte gegen soziale Aktivisten, die von manchen als Farc-Unterstützer angesehen werden. Gewöhnliche Kriminalität. Und der Kampf zwischen bewaffneten Gruppen ums illegale Geschäft."