Unser Korrespondent in Frankreich ist sich sicher: Le Pen wird nicht Präsidentin. Wieso er sich so sicher ist, erzählt er in vier Reportagen aus vier verschiedenen Milieus. Hier der erste Teil der Serie: Das Gymnasium.

Eigentlich müsste Clermont im Departement Oise für Marine Le Pen ein Heimspiel sein. In der Kleinstadt mit 10.000 Einwohnern eine Stunde Zugfahrt nördlich von Paris stimmten vor 16 Monaten bei den Regionalwahlen 38 Prozent der Wähler für die Rechtsextremistin. Clermont ist eine ausgedurstete Stadt: keine Industrie, vernagelte Läden in der Innenstadt – und nur eine größere Schule: das Cassini-Gymnasium mit 1.500 Schülern, benannt nach einem längst vergessenen Kartografen, der dort lebte.

Wahlplakate des Front National gegenüber der Schule © Olga Kravets für ZEIT ONLINE

Gegenüber dem weiß gestrichenen Schuleingang kleben Wahlplakate nur einer Partei: des Front National (FN) von Le Pen. Vor ihnen versammeln sich die Schüler zum Rauchen. Sie tragen bunte Turnschuhe wie Gymnasiasten in Deutschland auch. Die Plakate sind nicht zerrissen oder bemalt. Bedeutet das etwa, dass die Schüler sie gut finden?

Es ist dieser Tage leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Alle, auch die Jungen, beobachten aufmerksam den Präsidentschaftswahlkampf, auch die, die sich sonst nicht für Politik interessieren.

Alexis Lacourte, Julie Macaigne und Perrine Liévois (alle 16) machen in zwei Jahren ihr Abitur am Cassini-Gymnasium. Alexis interessiert sich sehr für Politik, seine beiden Freundinnen nur jetzt, vor den Präsidentschaftswahlen. © Olga Kravets für ZEIT ONLINE

"Wenn Trump es in den USA geschafft hat, kann es auch Le Pen bei uns schaffen", sagt der 16-jährige Alexis Lacourte, der gerade mit zwei Klassenkameradinnen aus der Mathestunde kommt. Die beiden Mädchen erzählen, dass ihr Freund Alexis gerne über Politik redet, sie weniger. Aber jetzt doch: "Der Front National bleibt der Front National. Man kann doch nicht den Vater vergessen, wenn man von Marine Le Pen spricht", sagt die 16-jährige Julie Macaigne. Mit dem Vater meint Julie FN-Gründer Jean-Marie Le Pen, von dessen kaum verhüllten Antisemitismus und Rassismus gegen Araber sich seine Tochter Marine heute abzusetzen versucht – ohne dabei die Ablehnung ihrer Partei gegen weitere Einwanderung und den Islam aufzugeben.

Alexis, Julie und ihre gleichaltrige Freundin Perrine Liévois spüren die Existenz des FN in ihrem Alltag. Alle drei haben "gute Freunde" an der Schule oder Angehörige im Familienkreis, die dieses Mal Le Pen wählen wollen. "Das sind keine armen Schlucker", sagen sie. Eher Durchschnittstypen, die Angst vor der Zukunft haben und auf Ausländer schimpfen, erklären sie. "Le Pen wählen ist keine Schande mehr", sagt Alexis. "Das würde ich nicht so sagen", entgegnet ihm Julie. Zumindest an ihrer Schule kennt die Schülerin niemanden, der offen sagen würde, er sei für Le Pen.

Politische Neutralität an den Schulen

Timothé Letesse, 18, besucht nach dem Schulabschluss einen Management-Kurs. "Der Brexit ist bei uns völlig unten durch. Die Briten sind Verräter", sagt Timothé, der Le Pen mit ihren Ausstiegsprogramm aus Euro und EU keine Chance bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich gibt. © Olga Kravets für ZEIT ONLINE

Aber man ist auch nicht offen gegen Le Pen. Traditionell sind die französischen Gymnasien verpflichtet, die Schüler zu guten Bürgern der Republik zu erziehen. Zugleich aber sollen sie absolute politische Neutralität pflegen. Also dürfen Lehrer und Schüler auch jetzt vor der Wahl nicht offen über Politik reden, wie das in Deutschland durchaus üblich wäre. "Wir würden die Schüler gerne vor Le Pen warnen, aber das Recht haben wir nicht", sagt ein Geschichtslehrer des Gymnasiums, der anonym bleiben will.

Vor der Schule treffen Alexis, Julie und Perrine zufällig ihre 50-jährige Mathelehrerin Laurence Duperron, zu der sie offenbar ein gutes Verhältnis haben. Madame Duperron bedauert ebenfalls, dass Politik in Frankreich nicht in die Schule gehört. "Die Kollegen in den sozialen Fächern versuchen natürlich, ihre Überzeugungen einzubringen, aber das bleibt diskret. Der Name Le Pen fällt im Unterricht nicht", sagt die Lehrerin.

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock

Schüler suchen die politische Auseinandersetzung im Internet, nicht in der Schule

In der politischen Enthaltsamkeit steckt aber auch ein Charme. Denn natürlich vermittelt die französische Schule politisches Bewusstsein: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – die Grundwerte der Republik, wo immer sie passen. Das richtete sich gegen die nationalistischen, ausländerfeindlichen Positionen von Le Pen. Alexis meint denn auch, dass Problem sei nicht, dass in der Schule Politik nicht häufig genug zur Sprache käme, sondern dass viele Schüler sie woanders suchten: im Internet und den sozialen Medien, wo die Beliebigkeit groß sei. "Das Internet ist stärker als die Schule. Dort aber fehlt uns Objektivität", sagt Alexis. So geht es wohl seiner Generation in fast allen europäischen Ländern, die ihre Informationen und Meinungen zum Großteil aus dem Netz bezieht und dabei auch extremistischen Beeinflussungen unterliegt.

Julien Dupuy, 18, macht in diesem Jahr sein Abitur am Cassini-Gymnasium. Er hat Angst vor den Wahlen: "Politik ist bei uns kein Tabu", sagt Julien, "aber wir wissen nicht weiter und reden nicht darüber." © Olga Kravets für ZEIT ONLINE

Der 18-jährige Julien Dupuy mit grünem Militärrucksack hat sein Abi schon fast in der Tasche. Er wirkt auf den ersten Blick wie ein Le-Pen-Anhänger aufgrund seines leicht militärischen Auftretens. "Le Pen findet immer mehr Akzeptanz", sagt Julien. Doch er grenzt sich von allen Parteien ab, auch dem Front National: "Die alten Parteien haben keine Lösung mehr, die Rechtsextremen haben keine Lösung und die Linksextremen auch nicht", sagt er. Ist die Politik für ihn deshalb unwichtig? "Nein, Politik ist bei uns kein Tabu, wir wissen nur nicht weiter und reden nicht darüber", sagt Julien. Er ist sich noch nicht sicher, ob er überhaupt zur Wahl gehen wird.

Keine Untergangsstimmung

Eric Ledez, 43 und Yannick Marques, 25 besuchen am Cassini-Gymnasium ein Berufsbildungsprogramm. "Wir wissen, welches Glück wir haben, in einem Land zu leben, das funktioniert", sagen Eric und Yannick. Sie wollten ursprünglich beide den Konservativen Fillon wählen. Doch nach seinen Skandalgeschichten tendieren sie zu Macron. © Olga Kravets für ZEIT ONLINE

Noch lange stehen die Schüler des Cassini-Gymnasiums über die Mittagsstunden vor dem Schultor und diskutieren. Untergangs- oder Revolutionsstimmung herrscht bei keinem von ihnen. Keiner von ihnen wiederholt Forderungen Le Pens. Warum aber zerreißen sie dann die Plakate nicht? "Weil wir da gar nicht mehr hingucken", sagen die Schüler.

Als Le Pen bei den Regionalwahlen 38 Prozent der Stimmen in Clermont gewann, stimmten etwa 1.300 von 6.200 eingeschriebenen Wählern für sie. Die Wahlbeteiligung war also gering. Das wird bei den Präsidentschaftswahlen wohl deutlich anders sein. Auch die französische Jugend könnte dann wieder gegen sie stimmen. Jedenfalls viele Schüler des Cassini-Gymnasiums. Clermont ist bisher doch noch kein festes Le-Pen-Territorium.

Im nächsten Teil besucht unser Korrespondent ein Café in der Pariser Banlieue.