Knapp zwei Wochen vor der französischen Präsidentenwahl provoziert die Rechtspopulistin Marine Le Pen mit einer Äußerung über die Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs. Frankreich sei nicht verantwortlich für die Razzia des Vélodrome d'Hiver in Paris, sagte die Kandidatin des Front National im französischen Fernsehen.

Die Pariser Polizisten hatten im Juli 1942 Tausende Männer, Frauen und Kinder in dem Radstadion zusammengepfercht, die dann in Vernichtungslager der Nazis abtransportiert wurden. Die Polizei unterstand damals der französischen Regierung von Marschall Philippe Pétain, die in Vichy residierte und mit der deutschen Besatzungsmacht zusammenarbeitete. Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkriegs 75 000 Juden aus Frankreich in deutsche Vernichtungslager verschleppt, nur 2500 überlebten.

Le Pens aussichtsreicher Herausforderer Emmanuel Macron kritisierte die Äußerungen der Rechtspopulistin als "schweren politischen und historischen Fehler". Der Ex-Minister fügte im Kurznachrichtendienst Twitter hinzu: "Das ist das wahre Gesicht der französischen extremen Rechten, die ich bekämpfe."

"nicht wieder gutzumachende, untilgbare Schuld" Frankreichs

Das israelische Außenministerium warf Le Pen vor, die historische Wahrheit in Abrede zu stellen, zu der sich mehrere französische Präsidenten bekannt hätten. Der damalige französische Präsident Jacques Chirac hatte 1995 eingeräumt, der französische Staat habe "den verbrecherischen Wahn der Besetzer" unterstützt. Die sogenannte Razzia des Pariser Wintervelodroms sei eine "nicht wieder gutzumachende, untilgbare Schuld" Frankreichs.

Le Pen nannte diese Erklärung Chiracs falsch. Im Übrigen gab sie sich missverstanden. Mit Frankreich habe sie nicht die Vichy-Regierung gemeint, sondern General Charles de Gaulle, der 1940 nach London geflohen war und sich zum Chef des Komitees Freies Frankreich erklärt hatte. Es gebe nur eine persönliche Verantwortung der an der Razzia beteiligten Polizisten, schrieb Le Pen in einer Erklärung. 

Der konservative Präsident der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, Christian Estrosi, warf der rechtspopulistischen Kandidatin vor, ihrem Vater Jean-Marie Le Pen zu folgen. Dieser hatte mehrfach mit verharmlosenden Äußerungen zu Nationalsozialismus und Holocaust für Schlagzeilen gesorgt. So bezeichnete er die Gaskammern der NS-Konzentrationslager als "Detail" der Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Die Franzosen wählen am 23. April den Nachfolger von Staatschef François Hollande, der nicht mehr antritt. In der entscheidenden Stichwahl am 7. Mai dürften sich laut Prognosen Le Pen und Macron gegenüberstehen.

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock