An diesem lauen Frühlingsmorgen hatte Marion Maréchal-Le Pen versprochen: "Ich werde Ihre Sitzung verderben." Es war einer dieser Tage im südfranzösischen Regionalrat, nach der die Oppositionsführerin des rechtsextremen Front National und ihre Gegner gegenseitig drohen, sich wegen Beleidigungen und Verleumdungen anzuzeigen. Ein normaler Tag also für MMLP, wie sich die Politikerin selbst nennt: Politische Debatten zu stören und aufzumischen ist ihr Job.

Die 27-Jährige fällt ihren Gegnern ins Wort, sie lacht höhnisch und schafft es tatsächlich, die Sitzung in ohrenbetäubenden Wortgefechten enden zu lassen. Am Abend zuvor hatte eine TV-Doku einen Parteikollegen dabei gezeigt, wie er in Nizza Bücher von Adolf Hitler verkauft und den Massenmord an den Juden bestreitet. Der braune Antiquar wurde unverzüglich aus dem FN ausgeschlossen, schließlich befindet sich ihre Tante, Marine Le Pen, im Präsidentschaftswahlkampf und muss moderatere Wähler erreichen. Ihre Nichte MMLP? Sie beantragt, dass Schüler künftig die römische Ruinenstadt Glanum in der Provence besuchen sollen – und weniger die Konzentrationslager des zweiten Weltkrieges.

Höhnisches Lachen

So ist Marion Maréchal-Le Pen: Sie setzt immer noch eine Provokation drauf. Ausgerechnet die junge Frau mit dem Silberblick ist das Gesicht der Rechtsextremen in Frankreich, ausgerechnet diese junge Frau ist es, die sich mit alten Nazipartisanen umgibt und dafür kämpft, die Zahl der Abtreibungen zu reduzieren, Flüchtlinge auszuweisen und minderjährige Straftäter mit aller Härte zu bestrafen. Sie ist es, die gerne im Pariser Parlament Krawall macht und den Premierminister als "Crétin" bezeichnete, einer ihrer gezielten Provokationen. MMLP ist jung – aber sie ist in Wirklichkeit kein neues Gesicht des Front National, sondern hineingeboren in die Familie Le Pen. Parteigründer Jean-Marie Le Pen ist ihr Großvater, Marion seine liebste Enkelin, und Marine Le Pen, die Parteichefin und Spitzenkandidatin, ist ihre Tante. Bei den Regionalwahlen 2015 scheiterten beide Frauen daran, ihre Regionen zu gewinnen – aber dass sie einen ähnlich großen Stimmanteil im ersten Wahlgang erlangten, war ein Zeichen: Die Neue ist der Parteichefin auf den Fersen.

Jean-Marie Le Pen sagt bewundernd über sie, sie sei die wahre FN-Erbin – weil sie so schneidend und eindeutig rechtsnational wie der Parteigründer selbst sei. Und MMLP ist schneidend, eisig kann sie wirken und während der mehr als doppelt so alte Präsident des Regionalrats rot anläuft vor Wut über die rechtsextreme Opposition und sie mit Goebbels vergleicht, lacht sie nur höhnisch, aber kontrolliert. Vielleicht ist es dieser Kontrast zwischen der jungen Politikerin mit den langen blonden Haaren und den stets businessmäßigen Blazern und den bitteren, feindseligen Worten, die aus ihr herausquellen, der sie so dämonenhaft erscheinen lässt.

Sie ist gegen: Schwule, Migranten und Muslime

Die überzeugte Katholikin macht selbst vor dem Papst nicht halt: Seine Aussagen darüber, Flüchtlinge barmherzig zu behandeln, kanzelt sie ab. "Ich bin überrascht von den Aussagen des Papstes – er ist ein spiritueller Meister, kein Politiker", sagte sie in einer Debatte der katholischen Zeitung La Croix. Und verteidigte ihre Haltung, keine Migranten aufnehmen zu wollen, egal aus welchen Gründen sie geflohen seien. "Die christliche Barmherzigkeit gilt zunächst meiner Familie und meinen französischen Mitbürgern", sagt sie. Ein andermal sagt sie, homosexuelle Ehen sollten nicht erlaubt werden, weil dies auch "andere Formen der Liebe" wie die Polygamie legalisiere.

Die Juristin macht sich gerne lustig. Vielleicht hat sie dieses ironische Lächeln eingeübt, das jedes Mal ihr Gesicht überzieht, wenn ihr eine Frage zu lasch, eine Haltung zu gutmenschlich erscheint. Ein spöttischer Ausdruck legt sich für einen kurzen Moment über ihre Züge, wenn es um Mitgefühl für die Menschen in den heruntergekommenen Vorstädten geht, die sie als "Gesindel" bezeichnet, ihre Mundwinkel verziehen sich, wenn sie auf Flüchtlinge, auf abtreibende Frauen, auf Homosexuelle, auf Banker, erneuerbare Energien und Muslime schimpft. Sie scheut sich nicht, in Interviews und über Twitter Lügen zu verbreiten, etwa, dass die meisten Attentäter in Frankreich doppelte Staatsbürgerschaften hätten oder dass zwei Drittel der Imame aus dem Ausland bezahlt würden. Beides ist nachweislich falsch, aber das spielt für sie keine Rolle. Ihre Aufgabe ist es, Zugewanderte und Muslime zu Staatsfeinden zu erklären und sich selbst als Oberpolizistin aufzuspielen.

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock