ZEIT ONLINE: Herr Shakespeare, der Wissenschaftler Pradeep Mutalik hat unter dem Eindruck des nicht vorhergesehenen Ausgangs der US-Präsidentschaftswahl gesagt: "Unsere Sicherheit begründet sich auf der Unsicherheit über die Dinge, bei denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen." Ist diese Unsicherheit unter Meinungsforschern nach Trump und Brexit noch größer als gedacht?

Stephan Shakespeare: Bei der britischen Unterhauswahl 2015 lagen wir bei YouGov deutlich daneben. Das haben wir analysiert und wissen sehr präzise, warum wir da so falsch lagen. Bei Trump und Brexit lagen wir nur eine kleine Spanne daneben. Wir bewegen uns bei diesen beiden Wahlereignissen in Spielräumen, die unter Meinungsforschern als normal angesehen werden. Ich habe etwas die Sorge, dass wir zu pauschal urteilen und sagen, dass Meinungsumfragen nicht mehr funktionieren und andere Methoden besser seien. Dafür gibt es keine Beweise. Wir kennen die meisten Fehler und können nachjustieren. Aber wir wissen auch, dass es gerade ansteigende Verzerrungseffekte gibt – diese machen aktuell ungefähr ein Prozent aus. Und ein Prozent ist ein signifikanter Effekt bei knappen Entscheidungen.

ZEIT ONLINE: Sie sprachen von Fehlern in den Umfragen, die Sie kennen. Aus welchen haben Sie als Meinungsforscher gelernt?

YouGov-Gründer Stephan Shakespeare - "Ohne Umfragen direkt vor der Wahl würden wir besser schlafen" Ob Donald Trump oder Brexit: Die Demoskopen lagen 2016 mehrmals daneben. Wie verlässlich sind Wahlumfragen noch und wie groß ist die Gefahr durch rechtspopulistische Kräfte in Europa?

Shakespeare: Bei den UK-Wahlen 2015 haben wir zwei Dinge falsch gemacht und lagen in Summe ungefähr 3,5 Prozent daneben. Zwei Prozent dieses Fehlers erklären sich dadurch, dass wir junge Wähler falsch eingeschätzt haben, ein Prozent mit älteren Wählern.

Schauen wir zuerst auf die Älteren: Meinungsforscher arbeiten häufig mit einer höchsten Altersgruppe "Über 60" oder "65+". Weil das bisher gut funktionierte, hat sich dummerweise niemand Gedanken über die große Altersspanne innerhalb dieser Gruppe Gedanken gemacht. Denn gerade die 60- bis 70-Jährigen neigen dazu, etwas weniger konservativ zu denken, als die über 70-Jährigen. Wenn wir nun eine Umfrage mit beispielsweise 2.000 Teilnehmern betrachten, haben wir darunter ungefähr 400 Befragte, die älter als 65 sind. In dieser Altersgruppe wird man aber eher 60-Jährige als 70-Jährige in der Umfrage haben, weil sie über Telefon oder Internet leichter zu erreichen sind. Diese Überrepräsentiertheit der Jüngeren in dieser Altersgruppe führte zu einem deutlichen Umfragefehler.

Noch deutlicher war im Nachhinein unser Fehler bei den ganz jungen Wählern. Jungwähler sind in der Tendenz eher politisch links und somit Labour-Wähler. Sie scheinen 2015 auch so abgestimmt zu haben, wie wir Meinungsforscher uns das gedacht haben. Wenn aber weniger von ihnen tatsächlich zur Wahl gehen, hat das Auswirkungen, zumal junge Wähler eher mit uns Meinungsforschern sprechen. Das hatte zur Folge, dass diese Altersgruppe überrepräsentiert war. Dieses Wissen können wir nun in unsere Methodik einfließen lassen.

ZEIT ONLINE: Hier in Deutschland ist die niedrigere Wahlbeteiligung der jungen Wähler allgemein bekannt. Wie kann Sie das in Großbritannien so überrascht haben?

Shakespeare: Zumindest für England gibt es keine wissenschaftlich belastbaren Zahlen zur Wahlbeteiligung. Während in den USA ausführliche und teure Wahlnachbefragungen durchgeführt werden, dienen sie in UK nur dazu, schnellstmöglich das Wahlergebnis im Fernsehen präsentieren zu können. Detaillierte Fragen werden bisher leider nicht gestellt.

Untersuchungen zeigen, dass die politische Haltung bei vielen Menschen schwach ausgeprägt ist.
Stephan Shakespeare

ZEIT ONLINE: Wer sich mit Umfragen beschäftigt weiß, dass sie nur eine Momentaufnahme darstellen und selbstverständlich Fehlertoleranzen beinhalten. Glauben Sie, dass das den meisten Wählern klar ist? Einige lassen sich schließlich von den Zahlen auch beeinflussen…

Shakespeare: Es ist sehr deutlich, dass die Wähler in den USA von schlechter Berichterstattung über die Fülle von Umfragewerten beeinflusst wurden. Dort hat selbst die New York Times, die es eigentlich besser wissen muss, aus der Summe der unterschiedlichen Umfragen, die einen leichten Vorsprung für Hillary Clinton vorhersagten, eine Gewissheit über ihren Sieg gemacht. Es gab dafür aber nie eine statistische Sicherheit. Kurz vor der Wahl nannte die New York Times eine 95-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Clinton-Sieg. Die Meinungsforscher, von denen das genutzte Umfragematerial stammte, hätten eine solche Aussage niemals getroffen! Aus einer Art Selbsterfüllung ihrer gewünschten Sicherheit haben die Medien, das was die Umfragen sagten, massiv übertrieben.

ZEIT ONLINE: Was führte beim Brexit zu Umfragefehlern?

Shakespeare: Demoskopen müssen immer auch die Wahlbeteiligung einrechnen und als Filter über die Umfragedaten legen. So galt bis dahin, dass Englands Süden eine um 10-15 Prozent höhere Wahlbeteiligung hat, als der Norden. Der Grund: Im Norden gibt es traditionsgemäß sichere Wahlkreise für die Labour Party. Diese deutlichen Verhältnisse haben viele Wähler im Norden daher wenig mobilisiert. Doch beim Brexit-Referendum zählte plötzlich jede Stimme und viele Labour-Sympathisanten, die aber antieuropäisch eingestellt waren, gingen nun doch zur Abstimmung. Vielleicht zum ersten Mal. Das führte dazu, dass der Filter mit der erwarteten Wahlbeteiligung bei der Brexit-Abstimmung nicht mehr passte.

Das große Problem bleibt daher: Mit welcher Methode können wir am besten die Wahlbeteiligung schätzen? Wir können bereits sehr genau sagen, was 100 Prozent einer Nation denken. Es bleibt aber die Unsicherheit darüber, wer am Wahltag tatsächlich abstimmt.