Theresa May hat sich für einen kluge Strategie entschieden. Zugleich verraten die sieben Minuten, in denen die britische Premierministerin am späten Vormittag ihre Entscheidung für eine vorgezogene Neuwahl begründete, ein bemerkenswert autoritäres Verständnis ihrer Rolle. Sechzehn Mal fielen "ich" oder "mein" in ihrer kurzen Ansprache: Die Neuwahl sei ihre Entscheidung, es gehe um ihre Arbeit, ihre Brexit-Verhandlungen.

Solche Ich-Zentriertheit ist Programm. Sie passt zu der Kehrtwendung, die Mays Ankündigung schließlich bedeutet. Denn seit sie ihr Amt im vorigen Jahr angetreten hatte, lehnte sie Neuwahlen stets entschieden ab. Jetzt jedoch haben sich die Figuren auf dem Schachbrett in Westminster so verschoben, dass Neuwahlen der Regierungschefin in der Tat opportun erscheinen müssen. 

Labour, bislang noch offizielle Oppositionspartei, ist unter ihrem unfähigen Vorsitzenden Jeremy Corbyn nicht nur in einem chaotischen, sondern einem katastrophalen Zustand. Corbyn versagt zuverlässig, wenn es darum geht, Fehler der Regierung anzuprangern. Zu dem wichtigsten Thema, das Großbritanniens Schicksal in den kommenden Jahrzehnten entscheiden wird – nämlich unter welchen Bedingungen das Land die EU verlassen soll – hat der Labour-Chef nichts zu sagen.

Konsequenterweise stürzen die Umfragewerte sowohl für die Partei als auch für ihren Vorsitzenden seit Wochen in den Keller. Und Parteimitglieder wenden sich enttäuscht ab. In den ersten Monaten der Corbyn-Euphorie schwoll Labour zur größten Partei Europas an, doch mittlerweile laufen die Mitglieder der Partei zu Tausenden davon. Theresa Mays Tories liegen nach den jüngsten Umfragen gut zwanzig Prozentpunkte vor Labour.

Keine Gefahr von Liberaldemokraten und Ukip

Gut – im Sinne der Premierministerin – ist auch die Misere der anderen Parteien. Die Liberaldemokraten, derzeit neben den schottischen Nationalisten die einzige konsequent proeuropäische Partei, gewinnen zwar an Mitgliedern und Sympathien. Aber unter einem eher blassen Vorsitzenden und mit einer schwachen Basis von derzeit gerade mal neun Abgeordneten stellen sie keine ernsthafte Gefahr dar. Die rechtspopulistische Ukip verliert nach dem Abgang ihres demagogisch-charismatischen Vorsitzenden Nigel Farage rasant an Bedeutung. Ihr einziger Abgeordneter, Douglas Carswell, der vor dem Brexit von den Konservativen übergelaufen war, hat mittlerweile die Partei wieder verlassen. Gegen ihn will jetzt zwar der schillernde Millionär und Ukip-Finanzier Aaron Banks kandidieren – zittern lässt das Mays Tories nicht mehr.

Mays Plan dürfte also wie folgt aussehen: Am 8. Juni hat sie gute Chancen, ihre derzeit wacklige Mehrheit von 17 Abgeordneten gewaltig zu vergrößern. Labour wird mit diesen Wahlen voraussichtlich in eine Existenzkrise fallen, in der die Partei entweder zu einer linksextremen Randpartei schrumpft oder sich aus der Asche einer vernichtenden Niederlage langsam neu aufbaut. In jedem Fall wird sie für Mays Politik in den kommenden Jahren so gut wie keine Rolle mehr spielen.