Man muss Nordkoreas geschundene Bevölkerung bedauern: Auf ihrem Rücken hält sich in Pjöngjang ein Regime an der Macht, das menschenverachtender kaum sein könnte. Doch die Dynastie der Familie Kim krallt sich an der Macht fest mit allem, was ihr dazu geeignet erscheint. Dazu zählt nicht nur ein Arsenal von derzeit rund zwanzig nuklearen Sprengsätzen (Tendenz: zunehmend) und von Raketen, an deren Reichweite das Regime intensiv arbeiten lässt. Wie der Mordanschlag auf den Halbbruder des jetzigen Machthabers in Pjöngjang in Malaysia vor einigen Wochen zeigte, verfügt das Regime über chemische und wohl auch biologische Massenvernichtungswaffen, vermutlich in der Größenordnung von mehreren Tausend Tonnen.

Es ist der rücksichtslose Überlebenswillen dieses blutrünstigen Regimes, das die koreanische Halbinsel zu einem globalen Krisenherd macht. Um sein Überleben und seine Komfortansprüche zu sichern, hat dieses Regime das eigene Land bis zum Verhungern Hunderttausender Menschen abgewirtschaftet. Seine Einnahmen rühren auch aus Machenschaften wie Drogenhandel, Hacker-Attacken auf die Zentralbank von Bangladesch (sie erbrachten offenbar 81 Millionen US-Dollar) oder dem Verleih von nordkoreanischen Gastarbeitern an China und Russland.

Seine atomare Aufrüstung sieht das Regime nicht nur als ultimative Sicherheitsgarantie gegen äußere Feinde, sondern auch als Möglichkeit, seinen Nachbarn und der internationalen Staatengemeinschaft Unterstützungsleistungen abzupressen.

Sicherheitsgarantien sind illusorisch

Diese Strategie des Regimes in Pjöngjang war bislang bemerkenswert erfolgreich: Über ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges ist die Familiendynastie der Kims noch immer an der Macht – nicht zuletzt deshalb, weil es die internationale Staatengemeinschaft und seine Nachbarn in Südkorea, China und Japan dazu brachte, faktisch das Regime zu alimentieren.

Der Kern des Nordkorea-Problems besteht im Wesen seiner politischen Ordnung. Diese Ordnung basiert auf Gewalt und Unterdrückung, sie definiert Politik in Kategorien von Sieg oder Vernichtung, sie kennt keinen Kompromiss jenseits des taktischen Zurückweichens. Verhandlungen mit diesem System können, so zeigen die Erfahrungen, bestenfalls Zeit gewinnen, aber keine einvernehmlichen Lösungen erreichen, weil das Regime sich auch an internationale Verträge nicht gebunden fühlt und diese bricht, sobald ihm dies nützlich erscheint. Auch Sicherheitsgarantien sind in dieser Lage illusorisch: Was die Stabilität Nordkoreas bedroht, ist der Charakter seiner politischen Ordnung, nicht ein äußerer Feind.

Im Umgang mit diesem Problem haben Peking wie Washington es bislang vorgezogen, unbequemen Realitäten auszuweichen und stattdessen ihren Wunschvorstellungen anzuhängen. Diese Wunschvorstellung war für Amerika der Kollaps des Regimes, für China ein nach dem chinesischen Modell wirtschaftlich reformiertes Nordkorea unter der Herrschaft der nordkoreanischen Arbeiterpartei. So zog sich Washington auf eine Politik der "strategischen Geduld" zurück, die Donald Trump jetzt beenden will, ohne zu wissen, wie das geschehen soll. Peking dagegen hält bis heute Nordkorea durch Finanzhilfen über Wasser, um an seiner Grenze Ruhe zu haben.

Was aber würde es bedeuten, wenn das Regime in Nordkorea auch noch die nächsten dreißig Jahre überdauern würde? Diktator Kim Jong Un ist gerade erst Anfang dreißig, seine Machtposition erscheint ungefährdet. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist dieses System zu nachhaltigen Wirtschaftsreformen nicht in der Lage: Das Land müsste sich öffnen, und das könnte das Regime nur allzu leicht in seinen Grundfesten erschüttern.