Die Reaktion des nordkoreanischen Regimes ließ nicht lange auf sich warten. Am vergangenen Wochenende schickte US-Präsident Donald Trump den Flugzeugträger "USS Carl Vinson" sowie mehrere Kreuzer und Zerstörer in Richtung koreanische Halbinsel. Zu Wochenbeginn folgten kriegerische Verbalattacken aus Pjöngjang.

Sein Land werde die "härtesten Gegenmaßnahmen gegen die Provokateure treffen", verkündete das nordkoreanische Außenministerium. Man werde die USA für die "katastrophalen Folgen ihrer ungeheuerlichen Maßnahmen zur Verantwortung ziehen". Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA wetterte, Nordkorea sei "für jede von den USA gewünschte Art von Krieg bereit".

So übergeschnappt diese Drohungen klingen – unzurechnungsfähig ist Nordkoreas Diktator Kim Jong Un nicht. Im Gegenteil: Kim muss glaubhaft vermitteln, dass er jederzeit zum atomaren Erstschlag bereit ist. Nur so funktioniert sein Prinzip der Abschreckung, mit dem er sein kommunistisches Familienregime vor einem Sturz von außen schützen will.

Bei den verbalen Maximalattacken wird es deshalb wohl nicht bleiben. Anlässlich des 105. Geburtstags des verstorbenen Staatsgründers und "ewigen Präsidenten" Kim Il Sung, des Großvater des jetzigen Machthabers, könnte Nordkorea bereits am Samstag den nächsten Atomtest zünden. Südkoreanische Militärexperten registrieren seit Tagen entsprechende Vorbereitungen.

Einmal mehr beweist der junge Kim damit das taktische Geschick eines Machtmenschen, der sich jeden Schritt genau überlegt. Oder wie es der japanische Nordkorea-Experte am National Graduate Institute for Policy Studies Narushige Michishita formuliert: "Kim trifft grundsätzlich rationale Entscheidungen."

Bis wohin die Raketen gelangen könnten

Radien um Nordkorea in Kilometern

Schon sein Vater und Vorgänger Kim Jong Il wusste: Ein Gefecht mit konventionellen Waffen würde die nordkoreanische Armee nicht lange überleben. Zwar ist sie mit geschätzt über eine Million Soldaten eine der größten Armeen der Welt. Doch insbesondere die Luftstreitkräfte gelten technisch als veraltet. Auch ohne Unterstützung der USA ist die südkoreanische Armee weit überlegen.

Bereits unter dem alten Kim arbeitete das asiatische Land an einem Atom- und Raketenprogramm. Der junge Kim hat die Entwicklung in den letzten fünf Jahren unter seiner Herrschaft noch einmal deutlich beschleunigt. Fünf Atomtests hat es seit 2006 gegeben, zwei davon fallen in seine Amtszeit. Vor allem aber in der Raketentechnik hat es große Fortschritte gegeben.

Derzeit arbeitet die Führung in Pjöngjang intensiv an Langstreckenraketen, mit denen atomare Sprengköpfe bis an die Westküste der USA getragen werden könnten. US-Geheimdienste gehen davon aus, dass Pjöngjang schon in weniger als zwei Jahren imstande sein wird, einen solchen Atomsprengkopf zu entwickeln. Spätestens dann wird das kleine Nordkorea endgültig zu einer Atommacht aufgestiegen sein und die größte Weltmacht konkret bedrohen.

Auch Peking wendet sich gegen Nordkoreas nukleare Aufrüstung

In regierungsnahen Kreisen in China gibt es seit einiger Zeit Stimmen, die alle Konfliktparteien zur Mäßigung mahnen. Sie glauben, dass es Pjöngjang gar nicht darum geht, die USA anzugreifen. Einen Atomkrieg würde das Land gar nicht überleben. Selbst einen nordkoreanischen Angriff auf den Süden der Halbinsel oder Japan halten sie für wenig wahrscheinlich. Vielmehr diene die Entwicklung des Atombombenarsenals dem Selbstschutz. Kim habe die einstigen Diktatoren Saddam Hussein im Irak und Muammar al Gaddhafi in Libyen vor Augen, argumentieren sie. Nur Atomwaffen garantierten ihm, nicht jederzeit von den USA gestürzt zu werden.

Tatsächlich ist das Kim-Regime weltweit isoliert und kann sich nicht einmal mehr auf die einstige Schutzmacht China verlassen. Die Chinesen unterstützten das Regime zwar auch dann wirtschaftlich noch, als die UN die Sanktionen wegen Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm längst verhängt hatten. Peking begründete die Ausnahmen damit, dass die Menschen in dem völlig abgeschotteten und verarmten Land ansonsten verhungern würden.

Doch auch Peking wendet sich gegen Nordkoreas nukleare Aufrüstung und hat alle jüngsten Beschlüsse des UN-Sicherheitsrats unterstützt, in denen Pjöngjang deswegen verurteilt wurde. Und es trägt nun die Sanktionen mit: China hat die Kohlelieferungen aus dem Nachbarland gestoppt und geht rigoros gegen Schiffe vor, die den Importbann zu durchbrechen versuchen. Satellitenaufnahmen zeigen, dass am Wochenende eine Flotte nordkoreanischer Schiffe von chinesischen Häfen abgewiesen wurde und voll beladen zurückkehren musste. Kohle war bislang eine der wichtigsten Einnahmequellen für Nordkorea.

China will keine US-Truppen an seiner Grenze

Den totalen Zusammenbruch Nordkoreas will die chinesische Führung allerdings auch weiterhin nicht riskieren – zu groß ist die Angst, US-Truppen könnten dann an der chinesischen Grenze stehen. Ganz von Kim Jong Un wird sich die chinesische Führung deshalb auch künftig nicht abwenden. Dieser schwierige Spagat lähmt Peking derzeit.

Das wahrscheinlich eigentliche Ziel des nordkoreanischen Diktators ist sehr viel weniger ambitioniert, als es scheint, vermutet der japanische Nordkorea-Experten Michishita. Viele Menschen des inzwischen völlig abgeschotteten Landes litten unter der Armut, die jahrzehntelange Misswirtschaft und die internationalen Sanktionen mit sich gebracht haben. Kim setze darauf, durch das nukleare Bedrohungspotenzial Lebensmittellieferungen und andere Hilfen zu erzwingen, glaubt Michishita. "Kim will bloß, dass die USA an den Verhandlungstisch zurückkehren."

Direkte Verhandlungen statt Abschreckung

Im Wahlkampf hatte Donald Trump noch direkte Gespräche mit dem Kim-Regime in Aussicht gestellt. Nun setzt Trump auf Abschreckung und auf den ersten Blick könnte die Flottenverlegung die Lage auf der koreanischen Halbinsel verschärfen. Möglich ist aber auch, dass auf diese Weise direkte Verhandlungen zustande kommen.

Reizen, Aufmerksamkeit erregen, aber nicht zu viel, um keine zu heftige Gegenreaktionen auszulösen – das entspricht Kims Logik. Dieses Vorgehen dürfte Donald Trump bekannt vorkommen. Vielleicht würden sie sich ja ganz gut verstehen.